Togetherfest Teil 1: Workshop oder was daraus wurde

Dies ist der erste Teil meiner Rezension über meine Erfahrung beim togetherfest. Ich weiß, dass so ein Kongress zu organisieren viel Arbeit verursacht und bedanke mich bei den Organisator*innen für ihre Mühen. Im Text geäußerte Kritik mindert meine Anerkennung für das was ihr geschafft habt in keinster Weise. Danke für die Einladung.

Neben dem abendlichen Konzert bot ich noch einen HipHop-Workshop an. Der richtete sich in erster Linie an im Rappen und Texten unerfahrene Leute, die beides mal in einem geschützten Rahmen ausprobieren wollten. Was daraus geworden ist, könnt ihr hier nachlesen.
Um sieben Uhr morgens stand ich zeitig auf und begab mich gutgelaunt und in Erwartung eines schönes Tages an den Frühstückstisch. Beim Essen sinierte ich noch über den Ablauf, den ich mir für den HipHop-Workshop ausgedacht hatte und fragte mich, wer wohl kommen würde. Ich malte mir die verschiedensten Typen von Personen aus, allesamt waren sie hochmotiviert und neugierig, interessiert und reflektiert und der Workshop würde ein voller Erfolg für alle Teilnehmenden. Im Geiste gut vorbereitet und aufnahmefähig machte ich mich auf den Weg nach Düsseldorf ins Linke Zentrum. Der Workshop sollte um 10 Uhr beginnen, so baute ich meine Sachen auf und wartete.
Ich machte es mir mit einer Zeitung und einem Kaffee an der Theke gemütlich, las und trank. Dort bin ich dann mit einem der Orga-Menschen ins Gespräch gekommen. Das war für mich die Gelegenheit eine mich schon seit längerem beschäftigende Frage zu stellen: Warum wurde Kübra Gümüsay eingeladen? Und weiter: Hättet ihr auch Margot Käßmann eingeladen? Antwort zu eins (verkürzt dargestellt): Wir wollten auch mal Muslimas auf so einem Kongress sprechen lassen, sie als Person ist sehr interessant und selbstbewusst. Antwort zu zwei: Nein. Zu meinem Glück hatte ich den Menschen vor mir, dessen Idee es gewesen zu sein scheint, die Referentin einzuladen (wenn ich das hier falsch wiedergebe, dann bitte ich um Korrekturen). Es bahnte sich eine Diskussion an, in deren Verlauf ich Einblick in eine Sicht der Welt bekommen konnte, die mir zwar nicht hundertprozent fremd – aber doch extrem weit entfernt ist. Mittlerweile lese ich nämlich die taz nicht mehr.
Mein Gesprächspartner beeindruckte mich mehrmals mit seiner Feststellung, dass Kübra so gar nicht seinen Vorurteilen und Vorstellungen von muslimischen, kopftuchtragenden Frauen entsprach. Sie sei alleine mit dem Zug angereist und sogar (!) mit ihm als Mann alleine im Auto mitgefahren. Da war ich sprachlos. Sollte es tatsächlich so sein, dass Kopftuchträgerinnen sowohl selbstbewusst, als auch der deutschen Sprache mächtig sind und noch dazu mit fremden Männern im Auto mitfahren? Hmm, vielleicht sollte ich das mal einem Teil meiner muslimischen Verwandschaft sagen. Dieser Teil würde dann auch wieder den Vorstellungen meines Gesprächspartners entsprechen. Denn die gibt es tatsächlich auch noch. Außerdem sei Kübra ja total liberal und überhaupt eine Bereicherung. Man müsse ja schließlich mal dem ganzen weißen deutschen Referent*inneneinheitsbrei etwas Farbe verleihen. Das gelingt mit Kübra Gümüsay als Referentin hervorragend. Ein wenig orientalischer Hummus in die sonst durch vegane Tofupaste dominierte (radikal)-linke Vortragswelt. Außerdem sei sie ja so selbstbewusst und stark. Stark – interessant. Wenn es um die Präsentation starker und selbstbewusster Frauen ginge, könnte man ja auch Angela Merkel, Marine Le Pen oder eben Margot Käßmann einladen. Geht es um Inhalt oder um die Kategorie „starke Frau“? Keine Ahnung. Leider, musste ich dann zugeben, konnte ich nicht zu ihren Vortrag mit dem Titel „Radikal feministische Muslime“ kommen, er hätte mich brennend interessiert. Ja, die eigentlich interessante Frage, was denn nun radikaler Feminismus mit dem Islam zu tun hat, ob sie sich bedingen, entgegenstehen oder sogar dasselbe sind, konnte leider nicht so recht diskutiert werden, aber dazu später mehr. Zunächst wollte ich kurz erläutern, warum mich die Einladung von Kübra Gümüsay irritiert hat. Zum einen wäre da die banale Feststellung, dass eine regiliös besetzte und Religion in ein positives Licht rücken lassende Veranstaltung in explizit linksradikalen Räumen zunächst nicht zu erwarten wäre. Zumal es extrem unwahrscheinlich ist, das es einen Vortrag mit dem Titel „Radikal feministische Christinnen“ geben würde. Zum anderen erscheint mir das doch arg folkloristisch. Es gibt offensichtlich den Drang, Muslimas auch mal in einer nicht erwarteten Rolle, nämlich der der radikalen selbstbewussten Feministin, zu sehen bzw. zu zeigen, um berechtigterweise ätzende Ressentiments abzubauen. Allerdings gibt es für mich fast nur zwei Sachen, die ich noch schlimmer finde als kalte Füsse: Exotismus und Kulturrelativismus. Und als nichts anderes erscheint mir die Einladung von Kübra Gümüsay. Ihr selber kann man keinen Vorwurf machen. Sie probt den konformistischen Aufstand und tritt an, ihre Sicht der Welt einem mehr oder weniger interessierten Publikum kund zu tun. Diese Sicht besteht (basierend auf den Interviews und Texten die ich mit/von/über ihr/sie gesehen/gelesen/gehört habe) darin, dass für sie der Islam voll gut ist, weil er nicht hierarchisch sei wie die katholische Kirche und jede*r sich deshalb seine/*/ihre Vorstellung vom Moslemsein ausleben könne. Außerdem mache er sie total frei und sie sei keine unterdrückte Frau. Deshalb könne man auch nicht dahergehen und die individuelle Interpretation des Islam und den daraus resultierenden Grad der Frömmigkeit infrage stellen. Dass ihr Anspruch, feministisch zu sein, mit der Tatsache kollidiert, dass sie sich freiwillig einem patriachalen Geschlechterbild und damit einhergehenden Kleiderordnung unterwirft, steht auf einem anderen Blatt. Für Unfreiheit kann man sich auch frei entscheiden. Soweit so belanglos. Liest man aber etwas genauer in ihrem Blog, so findet man unter anderem einen ganz aktuellen Eintrag, der auch auch in ihrer taz – Kolumne „Das Tuch“ erschien, mit dem Titel: „Beobachtet“. Eine Sammlung kurzer Berichte über Menschen, die vom Verfassungsschutz (VS) beobachtet werden und dann Sanktionen und andere unangenehme Dinge erleben. Zwei der Protagonist*innen verlieren ihren Job bzw. werden nicht eingebürgert, weil sie oder ihre Partner*innen bei der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) aktiv sind. Der Text spielt unterschwellig damit, dass der einzige Grund für die Beobachtung durch den VS rassistischer Natur sei. Das Milli Görüs eventuell zurecht beobachtet wird und eine antidemokratische Organisation ist, die übrigens vom bekennenden Antisemiten und Islamisten Necmettin Erbakan mitbegründet wurde, erwähnt sie nicht (auf den Seiten ihrer Blogfreundin Fatma wird Erbakan dann respektvoll noch eine friedliche Ruhe in seinem Grab gewünscht. Ja, der Arme…). Warum auch; ihr geht es offensichtlich ausschließlich um Rassismus. Das Opfer von Rassismus gleichzeitig totale Arschlöcher sein können und Leuten, die nicht ihren verkrusteten Wertvorstellungen entsprechen, das Leben zur Hölle machen können, kommt in ihrem Weltbild entweder nicht vor oder sie erwähnt es nicht, was beides in der Konsequenz gleichermaßen ignorant ist. Das führt dann leider dazu, dass Kritik an diesen Menschen allzuschnell als rassistisch diskreditiert wird. Auch hier: soweit so berechen- und vorhersehbar.
Was mich aber persönlich nachdenklich stimmt ist die Tatsache, dass Kübra Gümüsay als Sprachrohr von Deutschen mit muslimischen Migrationshintergrund (DmmM) angesehen wird. Und hier möchte ich mal sagen: NEIN, FÜR MICH SPRICHT SIE NICHT!! Und nein, nicht alle DmmM finden Moscheen und Kopftücher geil und sind der Meinung, dass auf religiöse Befindlichkeiten Rücksicht genommen werden sollte. Im Gegenteil, es gibt auch solche, für die ein Aufenthalt im ach so westlichen und offenen Istanbul eine Qual ist, weil der von allen Gesichtern triefende Konservatismus und die verächtlichen Blicke auf nackte Haut einem die Luft zum Atmen nehmen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass aufgeklärte nicht-religiöse und sogar islamkritische türkischstämmige Deutsche gar nirgends ein Forum haben. Setzt man sich aber ein Kopftuch auf und formuliert ein völlig absurdes Referatsthema das so absurd ist, dass es dadurch wieder für wichtig gehalten wird, dann wird man eingeladen, interviewt und befragt. Wieso ist das so? Wieso werden nicht Leute gefragt, die zwar wie Kübra in die Umma hineingeboren werden, lange Zeit mangels besseren Wissens oder aus Überzeugung Moslems sind, von Brüdern und Schwestern labbern, dann aber das Unerwartete tun: Sie emanzipieren sich davon! Ja, so Leute gibt es. Die tun etwas, was man nicht von ihnen erwartet. Unglaublich, aber wahr. Die haben auch viel zu erzählen, waren sie doch unter anderem bis zur persönlichen Aufklärung voll die Klischeemoslems. Mit Moscheebesuchen, Fastenkrams und allem Pipapo! Was dann mit ihnen passierte, erfahrt ihr nach der nächsten Maus…
Die oben ausgeführten Gedanken konnte ich natürlich in dem kurzen Gespräch nicht in der Form darlegen. Der Grund war nicht der Zeitmangel, sondern der Sprung zu einem anderen Referenten. Georg Klauda und sein Vortrag „Homophober Moslem – Toleranter Westen?“. Über ihn kamen wir zu Antisemitismus und dann, tada, zur Mutter aller Debatten: ISRAEL! Nachdem wir alle möglichen und unmöglichen Positionen schlagwortartig ausgetauscht hatten und zu keinem befriedigenden Ergebnis kamen, beendeten wir die Unterhaltung. Da niemand zum Workshop gekommen war, baute ich meine Klamotten ab und fuhr wieder nach Hause.

Den zweiten Teil dieser Erzählung widme ich der musikalischen Abendgestaltung und meinem ersten und hoffentlich letzten Kontakt mit „Grind-Core“.

Advertisements

2 Gedanken zu „Togetherfest Teil 1: Workshop oder was daraus wurde

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s