Togetherfest Teil 2: Musik oder was man dafür hält

Im zweiten Teil meiner Rezension über meine Erfahrungen auf dem Togetherfest widme ich mich den musikalischen Aspekten des Abends. Der folgende Text ist eine Art augenzwinkernde Polemik und keine ausgewogene theoretische Analyse. Wenn man mit mir diskutieren würde könnte man feststellen, dass ich selbstverständlich nicht so einseitig eine Position vertrete und sehr umgänglich bin. Auch bin ich der Meinung, dass jede/*/r einen eigenen Musikgeschmack hat und man darüber eigentlich nicht streiten kann, weil es was sehr persönliches und subjektives ist. Es gibt genug Menschen, die HipHop blöd finden und so gar nicht verstehen können, wie eine Person diese Musik mögen kann. Ebenso ist die Lebens- und Essweise von Menschen völlig ihnen überlassen und kein Punkt der Kritik, solange sie nicht als Ideologie auf Andere angewandt wird. Wer kein Tier essen mag, soll dies auch nicht tun müssen. Aber da ich sonst immer sehr verständnisvoll zu allem möglichen bin, wollte ich mich mal austoben und dabei herausgekommen ist dieser Text. Viel Spass.
Laut offiziellem Ablaufplan standen drei Bands auf dem Programm: Screamclub, WolfXDown und S1R, das bin ich. Während des Soundchecks war eine weitere Band dabei, deren Name mir entfallen ist. Wer den Namen der Band kennt, könnte das in den Kommentaren mal mitteilen.
Das Publikum entsprach äußerlich überwiegend dem, was man in einem linken Zentrum erwartet also eine Mischung aus Punks, Crusts, Hippies und Menschen im autonomen Style. Da die äußere Erscheinung fast immer auch ein Ausdruck der musikalischen Präferenz ist, war ein Gitarren- und Geschreilastiger Abend zu erwarten. Mein musikalischer Beitrag musste dementsprechend ziemlich aus dem Rahmen fallen.
Mit der ersten Band, ich nenne sie der Einfachheit halber jetzt mal „BandX“ fing es auch so an. Ich hatte mich auf laute, harte Musik eingestellt. Nur wurden meine Erwartungen an Lärm, Geschrei, Aggression, politischen Plattitüden und Dissonanz um Welten übertroffen. Später erfuhr ich, dass es sich bei dieser „Musik“ um Grind-Core handelte. Eine Musikrichtung, die ich bis dato nur vom Hören-Sagen kannte. Für Leute, die nicht wissen, worum es sich dabei handelt und keine Googlesuche bemühen möchten, versuche ich ein kurze Beschreibung: Die Lieder sind im Schnitt unter einer Minute lang, meistens nur bis 30 Sekunden. Das Schlagzeug hämmert in einförmigem extrem schnellen Beat und wird begleitet von punktypischen, aber ebenso schnellen banalen Gitarrenriffs. Die Vocalperson „singt“ dazu völlig unverständliche Texte, die wahlweise gekreischt oder gegrunzt werden.
Wenn denn nun die Texte unverständlich waren, wie kann ich mir dann eine Meinung über die politischen Aussagen der Band anmaßen und sie als Plattitüden bezeichnen? Nun, die Band wusste selber, dass ihre Texte nicht verstanden würden und erzählten deshalb vor jedem Song etwas zum Inhalt. Ein kurzes Referat quasi. Das war sehr aufschlussreich. Erstens hatte laut Band jeder Song eine politische Message (überprüfen ließ sich das selbstverständlich nicht) und zweitens waren die politischen Inhalte von solch einer beeindruckenden Einfachheit und Oberflächigkeit, wie es mir nur selten begegnet ist. Angefangen von Rassismus über Obdachlosigkeit bis hin zum szenetypischen Veganismus wurden alle „inhaltlichen“ Topoi der autonomen linken Szene abgehandelt. Und zwar auf eine Weise, die einen eher an eine „Alles für alle und zwar umsonst“-Demo erinnerte als an etwas anderes. Die Vorträge hatten etwa folgenden Charakter: „Dieses Lied ist gegen Leute die einkaufen, also dieser ganze Konsumscheiß und diese Einkaufszentrum kotzen uns an, sind scheiße. Ich hasse alle Menschen, die konsumieren, Konsum ist scheiße. Ich hasse alle Menschen.“ Und weiter: „Wenn ich sage, ich hasse alle Menschen, dann meine ich nicht euch als Individuen“ hallte es dem ohne Ironie völlig begeisterten Publikum entgegen. Da die Lieder sehr kurz waren, konnten sehr viele Themen angesprochen werden. Dies wiederrum erweckte den Anschein einer hohen inhaltlichen Dichte und dass die Bandmitglieder (es waren zwei Männer) sich voll die Gedanken machten und total reflektiert sind. Hörte man aber ihrem Gerede zu, stellte man fest, das Gegenteil ist der Fall. Sie sind in ihrer persönlichen Analyse von tatsächlichen oder vermeintlichen Missständen nicht über eine infantile Gut-Böse Logik hinausgekommen. Die Zurschaustellung der eigenen ach so reflektierten Existenz mithilfe von aussagekräftigen Identitätsetiketten wie beispielweise „Vegan“ oder „Autonom“ hat offensichtlich nichts weiter zum Zweck, als sich selber eine Art moralische Absolution zu verschaffen, mit deren Hilfe man guten Gewissens auf die Anderen zeigen kann. Man will das sein, wofür man kämpft: das Gute. Und dazu bedarf es des Bösen und das sind dann alle anderen. Dieses Ideal, welches als ein Synonym für das Göttliche angesehen werden kann, ist die Wahrheit, die Vollkommenheit. Und alle, die sich zwar der reinen Lehre bewusst sind, aber sich noch nicht soweit diszipliniert haben, die Vorschriften für das richtige Leben umzusetzen, werden mit einer extra Portion Hass und Verachtung gestraft. So wurden denn auch konsequenterweise neben Polizist*innen und dem Staat als solches Vegetarier*innen mit einer eigenen, 45 Sekunden langen Komposition bedacht. Auch hier war wieder der Vortrag das Interessanteste am gesamten Werk und der klang in etwa so: „Dieses Lied ist gegen all die Vegetarier hier. Ihr seid so inkonsequent, redet von Tierrechten, konsumiert aber Tierprodukte. Nur vegan ist echt und konsequent. Go vegan!“ Im Publikum waren ein paar ertappte Gesichter zu erkennen. Offensichtlich ist diese Inkonsequenz ein wunder Punkt bei vielen Anwesenden. Wie sonst ist es zu erklären, dass ihnen die Ausführungen in ethischen Fragen einer viertklassigen Band die Schamesröte ins Gesicht treiben? Ist ja auch schrecklich, wenn man Tiere als die eigenen Artgenoss*innen wahrnimmt, von menschlichen und nicht-menschlichen Tieren spricht, sich für die Einhaltung der Menschenrechte für Letztgenannte einsetzt und dann aber sein gefräßiges Schnäuzchen nicht unter Kontrolle hat und sich verschämt den Andeckser Vanilliejoghurt in einem unbeobachteten Moment hineinwürgt. Die armen Geschöpfe, denen muss geholfen werden.
Ja, der Veganismus, die Religion der Gelangweilten. Ich komm nicht umhin, mir ein paar persönliche Anmerkungen zu diesem Thema zu erlauben. In so ziemlich allen linken Zentren und Orten dieser Republik gibt es die mehr oder weniger starke Fraktion der Tierrechtsbewegten und Veganer*innen oder es wird auf deren Bedürfnisse Rücksicht genommen. Ebenso finden sich allerorts Aufkleber mit vermummten Politikdesperados, die irgendeinen süßen Kleinnager in der behandschuhten Hand halten. Im Subtext steht dann irgendwas von Tierbefreiung und Veganismus und man muss den Sprachlosen ein Stimme geben oder so. What ever. Eine Google-Suche bringt denn auch der interessierten Person etliche Vegan- und Tierrechtsforen und Seiten auf den Bildschirm, auf denen man unter anderem lesen kann, wie man sein Katze vegan ernährt. Gekoppelt ist das Ganze oft auch noch mit einer militanten Ökoideologie, in der der Konsum von Rindfleischbulleten bei McDonalds in der postrevolutionären Ära einen Stehplatz vor der Exekutions-Mauer garantiert. Viel habe ich schon über die Beweggründe des Veganer*innentums nachgedacht und bin noch nicht ganz schlau geworden. Was treibt sie, wieso sind sie so besessen von dem Gedanken mit einer Kuh, einem Hund oder einem Huhn Geschwister zu sein? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist das ein Helfer*innensyndrom und der daraus resultierende Wunsch, dem unterdrückten Tiere zur Freiheit zu verhelfen, auf das es glücklich und selbstbestimmt jagen gehen kann oder selber zur Beute wird. Was gibt es auch heroischeres als den Sprachlosen eine Stimme zu verleihen und das eigene Leben aufopferungsvoll und vollkommen uneigennützig der gerechten Tierbefreiungssache zu opfern. Ach ja, wenn die Tiere nur verstehen könnten was diese Held*innen alles für sie tun. Und welche Risiken sie eingehen, damit weiße Laborratten aus den Zwingern und Kerkern der bösen Pharmaindustrie befreit und in die freie Natur gesandt werden, wo sie dann ihrem natürlichem Instinkt folgend einem elendigen, aber immerhin natürlichen Tode durch Verhungern oder als Futter entgegen streben. Ja, wenn sie nur wüssten. Aber solange es noch keinen Babelfisch gibt, der für eine reibungslose Kommunikation zwischen den Spezies sorgen kann, ja solange müssen sich die Antispeziesist*innen und Veganer*innen gegenseitig die eigene moralische Überlegenheit und Integrität bestätigen. Oder eben sich die mangelnde Disziplin vorwerfen. Dient ja nur zum gegenseitigen Besten.
Ich möchte selbstverständlich nicht in Abrede stellen, dass man im Laufe der Adoleszenz verschiedene Identitätskrisen durchlaufen kann und sich deshalb die eine oder andere Ideologie zu eigen macht. Diese wird dann auch eine Zeit lang bis aufs Blut verteidigt und auf jedes Argument, das sich gegen die eigene Denke und Weltanschauung richtet, mit Abwehr und zuweilen sogar mit blankem Hass und Abscheu reagiert. Das ist verständlich und auch in gewisser Weise nachvollziehbar. Aber irgendwann sollte die Ideologie dann doch nochmal reflektiert werden, um vielleicht zu dem Schluss zu kommen, dass eben doch nicht alles so einfach und klar ist wie es einem auf den ersten Blick erscheint. Und das es vielleicht nicht sinnvoll ist, wahnhaft an dem eigenen Weltbild festzuhalten insbesondere dann nicht, wenn gute Gründe und eine sinnvolle Argumentation dagegen sprechen. Wenn Menschen diesen Schritt nicht schaffen kommen dann so Leute wie Susann Witt-Stahl dabei heraus die ernsthaft versucht, mithilfe der kritischen Theorie und Horkheimerscher und Adornitischer Thesen die Gleichheit von Tieren und Menschen abzuleiten. Echt wahr. Die tourt mit so einem Vortrag durch die Landen. Und alle, die das nicht so sehen wie sie, sind verkappte Christen, denn dort sei die zentrale These die Überlegenheit des Menschen über der Natur respektive Tier. Ergo sind Menschen, die Tiere nicht mit Menschen gleichsetzen wollen automatisch dem christlichen Glauben verfallen, auch wenn sie es nicht wissen oder zugeben wollen. Toller Schachzug. Frau Witt-Stahl, eine absurde Ideologie wie die des Antispeziesismus wird nicht weniger absurd, wenn Sie versuchen sie mithilfe der kritischen Theorie zu einer Wissenschaft zu erheben. Da fällt mir ein, es gibt mittlerweile sogar Seminare an der Uni zu dem Thema. Wahnsinn…
Persönlich kenne ich ein paar ehemalige Veganer*innen die ihre Motivation so zu leben ganz banal dadurch erklärten, dass ihnen die Tiere leid taten. Das finde ich wiederum sehr nachvollziehbar. Wer jetzt diesen Text bisher gelesen hat fragt sich bestimmt, was hat der nur gegen Veganer*innen? Gar nichts, ist die Antwort. Ich bin ehrlich der Meinung, dass mich das Essverhalten von Menschen einen Scheiß angeht. Und wenn Leute Tiere gut finden und sie aus diesem Grund nicht essen wollen, ist das auch kein Ding. Aber was ich echt problematisch finde ist der Versuch eine Ethik zu formulieren, in der Tiere mit Menschen auf einer Stufe stehen und deshhalb der Konsum von Tierprodukten verdammt wird und Leuten das vorgeworfen wird. Da wären wir dann bei der Ideologie der Antispeziesisten. Einen kleinen Einblick in die Debatte gewährt dieser Text.
Die Mitglieder der Band „BandX“ waren vermutlich noch nicht so recht alt und auch das Publikum lag nach meinen Schätzungen altersmäßig im Bereich von 16-25 Jahren mit einzelnen Ausreißern nach unten und nach oben. Und jetzt zurück zum eigentlichen Thema. Nach der Vegetarier*innen Schelte folgten noch einige weitere Songs mit demselben inhaltlichen Niveau, aber unterschiedlichen Inhalten. Da es so viele waren, kann ich mich nicht an alle erinnern. Zu meinem Erstaunen gab es sogar noch eine Zugabe, die vom Publikum lauthals gefordert wurde. Irgendwie scheint der Reiz dieser Musik in etwa mit dem einer Unfallstelle nach einer Massenkarambolage auf der Autobahn vergleichbar zu sein, von der man die Augen auch nicht wegbekommt. Die Ästhetik des Grauens.
Nach dieser akustischen Folter spielte die Band „WolfXdown“. Das Publikum war in etwa dasselbe geblieben. Die Bandbesetzung war ein wenig breiter diesmal, es gab Schlagzeug, Bass, Gitarre und Vocal. Wie von einer Hardcore/Punk-Band zu erwarten spielten sie: Hardcore/Punk. Laut, schnell und aggressiv sind die passenden Adjektive. Nur war die Musik im Ganzen harmonischer und melodiöser als die vorangegangene Band, was auch nicht ernsthaft schwierig war. Trotzdem hatten meine Ohren schon genug Dezibel und Geschrei abbekommen, weshalb ich den Konzertraum mal verließ.
Im Kneipenraum kam ich dann noch mit sehr netten Menschen ins Gespräch und erfuhr dabei, dass sie gerne zu meinen Workshop gekommen wären, es aber nicht geschafft hatten. Schade, dass sie nicht konnten, aber schön sie zu treffen.
Als Nächstes stand ich auf der Liste und ging wieder zurück in den Konzertraum. Ich baute meine Sachen auf und wartete kurz auf die womöglich doch an HipHop Interessierten. Nach einer Weile trudelten denn auch ein paar Menschen ein, was mich sehr freute. Denn ehrlich gesagt habe ich nicht erwartet, dass die Massen, die vorher da waren, auch bei meinem Auftritt anwesend sind. Da sind die Toleranzen bezüglich Musik doch arg begrenzt. Macht nichts, wenn Leute da sind die es interessant und am Ende auch gut finden, ist das schon super. Insgesamt habe ich 30 Minuten performt und dabei einen Liter Fenchel-Anis-Kümmel Tee getrunken. Rappen geht tierisch auf den Flüssigkeitshaushalt. Von den Reaktionen aus dem Publikum zu schließen sind meine Sachen überwiegend positiv angekommen. Das freute mich natürlich sehr. Nach dem Auftritt und dem letzten Bier ging es auf den Heimweg. Die letzte Band Screamclub habe ich mir nicht mehr anschauen können, weil ich erstens total müde war und zweitens meine Entourage ebenfalls unter der Zeitumstellung zwischen unserem Wohnort und Düsseldorf litt und entsprechend geplättet war. So kann ich zu dieser Band leider nichts sagen, außer dass der Soundcheck sehr vielversprechend klang. Ein Blick auf die Homepage lohnt sich allemal.

Das war mein Tag auf dem Togetherfest.

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