Zwischen allen Stühlen – Teil II

(Nicht nur) eine Rezension des Buches „Interventionen gegen die deutsche `Beschneidungsdebatte`“ von Zülfukar Cetin; Heinz-Jürgen Voss; Salih Alexander Wolter

Ende 2012 erschien im edition assemblage-Verlag ein Buch zur sog. Beschneidungsdebatte des Sommers 2012. Erst mal eine begrüßenswerte Sache – fehlte in besagter Debatte doch vor allem eins: hörbare sachlich-reflektierte, emanzipatorische Stellungnahmen zum Thema und zur Debatte. Doch die Hoffnung auf eine solche wird mit dem vorliegenden Buch enttäuscht.

Zur Erinnerung: Die ganze Debatte begann mit einem Urteil des LG Köln, welches einen Arzt, der an einem vierjährigen Jungen auf Wunsch der Eltern eine Zirkumzision vorgenommen hatte, freisprach – allerdings nur, weil dieser nicht wissen konnte, dass es sich dabei um eine rechtswidrige Körperverletzung handelte. Somit war das Urteil für den Angeklagten zwar ohne Folgen, stellte aber fest, dass eine Zirkumzision ohne Zustimmung des Betroffenen eine rechtswidrige Körperverletzung ist. Die Strafverfolgungsbehörden hatten von dem Vorfall erfahren weil die Mutter mit dem blutenden Kind in die Notaufnahme kam und dort die Polizei gerufen wurde, da aufgrund von Sprachschwierigkeiten nicht geklärt werden konnte wodurch das Kind verletzt worden war.

Zur juristischen Einordnung: Jeder Eingriff in die körperliche Unversehrtheit ist eine Körperverletzung. Ob diese strafbar ist oder nicht hängt von der Einwilligung der/*/des Betroffenen ab. So verwunderlich es auf den ersten Blick erscheinen mag das sog. ärztliche Heileingriffe (z.B. das Verabreichen einer Spritze) eine Körperverletzung darstellen sollen, so sinnvoll ist dies auf den zweiten Blick. Geschützt wird damit die Selbstbestimmung über den eigenen Körper; eine Behandlung gegen den Willen der/*/des Patient*in ist – eigentlich – nicht erlaubt. Es gibt keine explizite Regelung darüber wie alt man für diese Zustimmung sein muss, aber zumindest bei Kleinkindern ist es weitgehend unstrittig das die Eltern in medizinische Maßnahmen rechtwirksam einwilligen können. Nur ist eine religiös motivierte Zirkumzision eben keine Heilbehandlung und daher ist juristisch fraglich, ob die Einwilligung der Eltern hier ausreicht. Daher wird die Zirkumzision durch das Urteil nicht als „Körperverletzung diktiert“ (S. 41), sie ist nach deutschem Recht unstrittig eine Körperverletzung. Zu diskutieren ist allein, ob bzw. wann dies durch eine Einwilligung der Eltern gerechtfertigt werden kann.

Der Sommer 2012: In der folgenden Debatte waren vor allem die Stimmen diverser Religionsverbände zu hören (pro Beschneidung) und in den Kommentarspalten wie immer größtenteils unqualifizierte – und in diesem Fall vor allem rassistisch und antisemitisch motivierte – Stimmungsmache (contra Beschneidung). Eine Zusammenfassung des Internetunsinns hat Elke Wittich bereits zeitnah geliefert. Von dem überwiegenden Teil der hörbaren gesellschaftlichen Verbände und vor allem der Politik wurde schnell das Recht auf Religionsfreiheit betont und bereits im Juli (während der Parlamentarischen Sommerpause) im Bundestag eine Gesetzesvorlage auf den Weg gebracht, welche im Dezember mit sehr großer Mehrheit verabschiedet wurde und nun in § 1631d BGB die Entscheidung für eine Zirkumzision explizit dem Sorgerecht der Eltern unterstellt, soweit sie unter medizinischen Standards durchgeführt wird.

In diese Debatte will das besagte Buch laut Eigenbeschreibung intervenieren. Es will laut Vorwort die Hegemonien in der Debatte benennen, aufzeigen dass Religionskritik nicht im luftleeren Raum stattfindet und damit u.a. dafür sorgen das betroffene Jungen und Männer sich äußern können. Dazu gibt es einen medizinischen Artikel, der diverse Studien zu Zirkumzision rezipiert (Heinz-Jürgen Voss) und einen diskursanalystischen Artikel (Zülfukar Cetin; Salih Alexander Wolter). Letzteren liest man am besten von hinten, denn dort wird deutlich was sich die ganze Zeit in Form von wertenden Formulierungen anschleicht: Eine nicht offen benannte Positionierung der Autoren. Das Schlusswort des Aufsatzes ist ein längeres – von den Autoren nicht kommentiertes – Zitat von Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime. Darin enthalten ist folgender Satz: „Die menschliche Gesundheit hat Priorität im Islam, (…). Aus diesem Grund wird das Beschneidungsritual erlaubt und gefordert.“ (S. 44). Aha. Ich will keinen islamwissenschaftlichen Diskurs führen und es wäre mir auch zu plump einige als muslimisch begründete Praktiken aufzuführen, die ziemlich offensichtlich nicht die „menschliche Unversehrtheit“ (S. 44) als Priorität setzten. Auch das der Islam eigentlich ein Programm zur „Krebsvorsorge“ (S.44) ist, ist überraschend. Was aber das eigentlich perfide an dem unkommentierten Zitat ist, ist das es dabei um den Versuch geht das während der Debatte oft durchscheinende Bild die Eltern, welche die Zirkumzision bei ihren Kindern durchführen lassen, seinen böswillige Misshandler, zurückzuweisen. Und mit eben jenem Zitat wird dies nicht zurückgewiesen, sondern umgedreht: Der Islam und vor allem das Beschneidungsritual ist zum Schutze und zum Besten der Schöpfung – also handeln alle Eltern, die dem nicht folgen gegen das Wohl des Kindes – so auch Eltern mit muslimischen Background, die sich bewusst von traditionellen Riten lösen.

Ein weiteres Zitat zum Islam über das man im Laufe des Textes stolpert ist Folgendes: „dass Sex schon im vorkolonialen Islam `als etwas uneingeschränkt Positives gesehen wurde´.“ (S. 33). Wie gesagt: Keine islamwissenschaftliche Debatte hier, daher lasse ich dies – mich allerdings fragend was es noch gleich mit dem Kopftuch auf sich hat und ob die Autoren wohl über Frauen und Männer reden – einfach mal so im Raume stehen und wende mich anderen Stellen und Themen des Textes zu. Da ist z.B. die Rede von „Angehörigen einer christlich sozialisierten Mehrheitsbevölkerung, die Religionsfreiheit vor allem als Möglichkeit der Freiheit von Religion verstehen.“ (S. 24). Hergeleitet wird diese Priorität laut den Autor*en nicht über eine europäische Geschichte der Aufklärung in der es viel um die Verbannung der Religion ins Private ging, sondern darüber, dass diese Sicht insbesondere in der christlichen Religion begründet sei. Mit dieser Benennung wird also nicht die Möglichkeit einer nicht-ressentiment-geladenen, mit Vernunft und Selbstbestimmung argumentierenden Religions- und auch Islamkritik eröffnet, sondern jegliche Kritik an religiösen Praktiken, die in das Selbstbestimmungsrecht eingreifen als rassistisch gebrandmarkt. Dies kann keinesfalls eine emanzipatorische Position sein. Wäre der Einfluss der christlichen Kirche nicht in den letzten Jahrhunderten mehr und mehr zurückgedrängt worden, gäbe es nun – nur beispielhaft herausgegriffen – keine Möglichkeit der legalen Abtreibung und keine Lebenspartnerschaft. Wäre das Entmachten der Kirche und Religion erfolgreicher verlaufen, gäbe es darüber hinaus keine Zwangsberatung vor einer Abtreibung und das volle Adoptionsrecht von gleichgeschlechtlichen Paaren. Religion ist das Gegenteil von individueller Freiheit – doch Religionskritik und Selbstbestimmung sind den Autoren kein Wort wert. Entsprechend einseitig wird in der Diskursanalyse auch kaum erwähnt, dass sich eben nicht nur jüdische und muslimische Verbände für die Religionsfreiheit der Eltern(!) aussprachen, sondern u.a. auch Politiker*innen, Parteien und christliche Verbände. Die christlichen Kirchen sind sich in Fragen der Religionsfreiheit jederzeit mit muslimischen Verbänden einig – geht es ihnen doch eben gleichermaßen um die Freiheit der Religion und eben nicht um Freiheit vor Religion.

Doch statt einer umfassenden, sachlichen Analyse der Debatte schreiben sich die Autoren ihre Wahrnehmung lieber zu recht. So wird darauf verwiesen, dass Gauck (der sagte, die Muslime gehören zu Deutschland, statt wie Wulff „der Islam gehöre zu Deutschland“) erst durch eine Bildzeitungskampagne gegen Wulff im Frühling 2012 Präsident wurde (S. 20). Aha – also kurz vor dem entscheidenden Urteil des LG Köln. Ganz offensichtlich wurde Wulff also von der Presse ausschließlich wegen seiner Islamfreundlichkeit angegriffen – die Korruptionsvorwürfe nur vorgeschoben – und dies auch noch zum richtigen Zeitpunkt. Wusste die Bildzeitung bereits vorher vom Urteil? Es mag sein, ich lese zu viel Verschwörungsliteratur – aber warum, wenn nicht um Verschwörungsdenken hervorzubringen – erwähnen die Autoren diesen Punkt, der zunächst absolut nichts mit der analysierten Debatte zu tun zu haben scheint. Geflissentlich wird auch übergangen, dass Gauck in einer Rede den rassistischen und antisemitischen Charakter der Debatte klar benannte – und im Übrigen in selbiger Rede dem Atheismus die Verantwortung für Stalinismus und wohl auch die Shoa zuwies. Doch auf eine Verschwörung wird auch an anderer Stelle im Text verwiesen  – nur nicht in so großem Maßstab wie der Sturz des Bundespräsidenten. So wurde das Urteil vor den „politisch Verantwortlichen“ verheimlicht (S. 17 f.) und an eben jenen „vorbei eine Debatte lanciert“ (S. 18). Ich mag mich täuschen, jedoch vermute ich die Autoren wissen an anderer Stelle einen Rechtstaat zu schätzen und ein Rechtstaat zeichnet sich bekanntermaßen durch die Unabhängigkeit der Justiz von der Politik aus. Und auch Kritik daran, das eine Debatte an „politischen Verantwortlichen vorbei lanciert wird“, habe ich bisher nicht nur selten vernommen; nein es ist sogar gängige linke Praxis eben dies – mehr oder weniger erfolgreich – zu versuchen. In einem Land in dem öffentliche Debatten nur nach vorheriger Genehmigung durch die politischen Verantwortlichen stattfinden darf, möchte ich – und ich unterstelle dies auch den Autoren* –  nicht leben (So gerne ich auch Leuten, dass debattieren über rassistische Wörter in Kinderbüchern untersagen würde.) Dazu passt es dann auch wenn auf S. 12 von einer „Hexenjagd“ – immerhin in Anführungszeichen – gesprochen wird. Ebenfalls unpassend für ein Buch, welches dezidiert dazu antritt Fehlinformationen aufzuklären, ist die Information, dass ein deutsche Gesetz es vorschreiben würde, dass Menschen “der Penis abgeschnitten oder einer angepasst wird“ (S. 37). Mal abgesehen davon, dass in keiner einzigen OP so flapsig ein „Penis abgeschnitten“ wird und das eine solche Formulierung nicht gerade von Respekt vor den Körpern und Körperpraxen Anderer zeugt, gibt es ein solches Gesetz nicht.[1]

Die Autoren suggerieren, dass die Gegenüberstellung von Religionsfreiheit der Eltern und Selbstbestimmung über den eigenen Körper und Religionsfreiheit der Kinder herbeidebattiert würde (S. 24, 40). Doch faktisch stehen sich diese Grundrechte gegenüber. Eine aufgeklärte Debatte sollte diesen Fakt wahrnehmen und ohne Diskriminierung minioritärer Positionen debattieren. Ansatzpunkte dafür wären die Feststellung, dass es nicht um die Zirkumzision an sich geht, sondern nur eine ohne/gegen den Willen des Betroffenen. D.h. eine solche könnte auf Wunsch des Kindes stattfinden – damit einhergehend stelle ich mir die Frage, ob es nicht eine Unzumutbarkeit darstellt, Kinder zu Zwangsmitgliedern eines Vereins zu machen aus dem man nach Ansicht seiner Mitglieder nicht wieder austreten kann. Und eine solche Debatte müsste dabei durchaus auch die christliche Taufe von Babys in den Blick nehmen. Die Debatte wäre auch eine Chance gewesen in den Blick zunehmen wie es um das körperliche Selbstbestimmungsrecht von Kindern jenseits religiöser Praxen bestellt ist. Denn das rassistische und antisemitische Moment zeigt sich mE hauptsächlich darin, dass Probleme sehr schnell bei „den Anderen“ gesehen und zugleich in der Mehrheitsgesellschaft übersehen werden. Eine emanzipatorische Reaktion darauf, kann mE nicht in der Negierung der benannten Probleme, sondern der Thematisierung der verschwiegen Probleme liegen. Da wären z.B. die ohne große öffentliche Empörung ablaufenden medizinisch völlig unnötigen – und zT auch kontraproduktiv – immer noch praktizierten Operationen an nichtbinärgeschlechtlichen Kindern, aber auch so alltägliche Dinge wie Ohrlöcher bei 3-Jährigen – welche zwar einen kleinen körperlichen Eingriff darstellen, jedoch eine massive Praxis zur Vergeschlechtlichung von kleinen Kindern sind. Mit einer solchen Erweiterung der Debatte hätte auch der Überdramatisierung des Themas begegnet werden können, welche in der völlig unangemessenen (um es nett auszudrücken) Gleichsetzung der Zirkumzision mit der Genitalbeschneidung an Mädchen (FGM) seinen Höhepunkt fand. Die Überdramatisierung der körperlichen Folgen führte mE auch dazu, die psychologische Komponente eines solchen Zeremoniells weitegehend zu vergessen und zu überlegen, ob es nicht einen Unterschied darstellt, ob diese an Neugeborenen vorgenommen wird oder bei Kindern/Jugendlichen.

Eine grundsätzlichere Debatte ist auch deshalb dringend nötig, weil sie die Frage zu stellen hat wie eine Kritik an antiemanzipatorischen Praktiken, bzw. solchen die einer Selbstbestimmung widersprechen, bzw. auch Religionskritik aussehen kann, die nicht ressentiment-gesteuert und rassistisch, sondern solidarisch ist. Denn sich mit dem Hinweis auf einen christlichen und/oder weißen Sozialisationsbackground Debatten und Kämpfen zu entziehen ist nicht antirassistisch, sondern das Gegenteil, weil es die Betroffenen von (insbesondere frauenfeindlichen) Praxen mit dem Verweis auf die Herkunft ihrer Familien alleine lässt und ihnen Solidarität verweigert.

Edit: Da es den Hinweis gab, dass zweierlei für Lesende nicht eindeutig ist, hier noch folgende Hinweise:
a) Der Artikel ist nicht von S1R, sondern LH2R – aber mit freundlichen Dank an S1R fürs Gegenlesen und b) aus der Perspektive geschrieben, die im letzten Absatz versucht wird zu umreissen.

P.S. Einen ganz interessanten, weil differenzierten Kommentar zur Debatte fand ich dieses Interview mit Stephan Kramer (Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland).


[1] Die Autoren verraten nicht welches Gesetz dies sein soll. Falls die OPs an Intersex-Babys/Kindern ohne deren Zustimmung  gemeint sind – diese werden durch kein Gesetz vorgeschrieben. Falls OPs nach dem TSG gemeint sind, diese OP-Pflicht wurde 2010 durch das Bundesverfassungsgericht für verfassungswidrig erklärt.

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