Politischer Rap

Als ich die Videos zu Raputation.tv gesehen habe, musste ich mal wieder über den Sinn und Zweck von politischem Rap nachdenken.

Letztens hab ich wieder einen Track aufgenommen und mir wie fast jedes Mal die Sinnfrage gestellt. Warum mach ich das? Was will ich damit? So richtig weiß ich das nicht, außer das es Spaß macht zu rappen. Der ausbleibende Erfolg (gemessen an Klicks und Likes in diversen sozialen Netzwerken,  Einladungen zu Konzerten, verkaufte CDs) spricht jedenfalls nicht dafür, dass ich etwas künstlerisch in dem Sinne wertvolles produziere, dass es viele Menschen ansprechen würde. Es könnte natürlich sein, dass meine Musik schlecht ist, weil ich kein guter Rapper bin, die Beats nichts können und sich auch insgesamt kein angenehmes Hörerlebnis einstellen möchte. So ganz richtig kann das aber nicht sein, denn gemessen an der Performance anderer Rapper schätze ich meine Songs als nicht soooo schlecht ein.

Dass ich keine große Fanbase habe, wundert mich trotzdem nicht so richtig, denn meine politische Auseinandersetzung mit diversen Themen resultiert vor allem darin, dass ich einem breiten Spektrum an Leuten und Subkulturen ans Bein pinkel und sie kritisiere. Eine Szene oder Bewegung, für die ich schreibe existiert nicht. Was auch in Ordnung ist, denn genau die Kollektivierung von Individuen zu ideologisch-moralischen Gruppen ist einer meiner Hauptkritikpunkte. Das hat offensichtlich zur Folge, dass ich als Künstler weiter  tiefster „Untergrund“ bleiben werde.

Andere sind darin erfolgreicher aus dem Untergrund in die Wahrnehmungssphäre zu treten, was mich zum eigentlichen Thema dieses Artikels führt. Der letzten Monat zu Ende gegangene Rap-Wettbewerb „Raputation„. Das Ziel der Veranstaltung war es, Deutschlands „besten politischen Rapper oder politische Rapperin“ zu finden (Frauen waren nicht unter den Teilnehmenden, weshalb die Suche nach der besten politischen Rapperin erfolglos bleiben musste. So richtig überraschend ist das nicht, auch wenn die Gastjujoren das offenbar doch überraschend fanden). Dazu wurden politische Themen vorgegeben (in der ersten Runde Angela Merkel und was man ihr schon immer sagen wollte) und die Bewerbenden sollten Song und Video produzieren und dorthin schicken. Gewonnen hat ein Rapper namens Dope Dynamic, dessen Track ich durchaus etwas abgewinnen kann. Ich wollte eigentlich auch was hinschicken, aber erstens bin ich zu alt (Altersgrenze: 25), zweitens möchte ich nicht vorgegebene Themen behandeln und drittens kann ich keine Videos machen, in erster Linie aus Mangel an einer „Crew“. Hätte ich mitmachen können, hätte ich dieses Lied geschickt. Oder das. Oder das.
Der erste Gedanke, der mir kam, als ich von diesem Wettbewerb hörte war: Bitte nicht. Ich konnte mir als Wettbewerbsbeiträge wenig anderes vorstellen, als das übliche Wir-armen-Unterdrückten-hier-unten-müssen-endlich-aufwachen-und-uns-wehren, gekoppelt mit der Feststellung, wie hart das Leben auf der Straße ist und Hetze gegen „die da oben“. Vor allem aber war mir klar, dass zumindest verdeckt antisemitischer Müll dabei herauskommen wird. Et voila, Platz 3 des Wettbewerbs, Marabu. Verdeckt ist der Antisemitismus hier allerdings nicht. Ich greife mal ein paar Zitate heraus:

Es herrscht Chaos in Nahost, Zionismus der Schadstoff der überrollt ohne Pardon/Israel der Öltropfen im arabischen Wasserglas, Opfer werden Täter, und das Opfer wird ein anderer

Den 3D-Test hätte der junge Herr wohl hiermit bestanden, und das schon allein mit Zeile 5 und 6. Gratulation! Alles ist dabei, von der Brunnenvergifter-Legende, über Täter/Opfer-Umkehr bis hin zur Relativierung der Shoa und der Dämonisierung Israels. Offensichtlich ist dem Rapper schon irgendwie bewusst, dass man seine Aussagen („miss“)verstehen könnte, so sagt er nämlich direkt im Anschluss:

Angela, komm jetzt nicht mit Antisemit, ich weiß für Kritik sitzt der Schwanz viel zu tief.

Wenn man ihn Antizionist nennen würde, empfände er das wohl nicht als die Beleidigung, als die es gedacht wäre, „Israelkritiker“ sind fest davon überzeugt alles zu sein, nur keine Antisemiten. Genauso wenig im Übrigen wie die Kommentatoren auf Youtube, die diesen Song abfeiern. Nutzer Le So lässt uns dort nämlich wissen: “Argumentation gleich 0, passt zu euch Juden, kritisiert man Israel kommen sie mit der Antisemiten karte.“ Dies war seine Erwiderung auf Einwände zu seinem Kommentar, dass Israel ein Terrorstaat sei und Marabu nicht gegen Juden hetzt, sondern gegen Zionisten. Des Weiteren wird einem vorgeworfen, die Antisemitismuskeule nur so zu schwingen wie ein Batter beim Baseball und damit die Meinungsfreiheit zu untergraben. Die Armen. Was die Metapher mit dem Schwanz bedeuten soll weiß ich nicht außer, dass es irgendwas sexistisch ist – wahrscheinlich.

Religion ist Zuflucht und Trost für den der sucht in der Not und hat mit dem Konflikt partout nichts zu tun.

Gut, das es bei dem Nahost-Konflikt nicht primär um einen Kampf der Religionen handelt würde ich auch sagen. Schließlich wollen auch säkulare Palästinenser Juden umbringen. Es folgt der sozialarbeiterische Inklusionstrick, mit dem man sich auch absolut sicher gegen den Vorwurf des Antisemitismus schützt:

Will weder Juden noch Moslems anprangern, Hass ist ein Kreislauf, das weiss auch der Teufels Handlanger.

Wir lernen also, es geht gar nicht um Juden oder Moslems. Vor allem geht es nicht um Juden, sondern wenn überhaupt um Zionisten. Und Zionisten sind ja bekanntlich keine Juden und falls es doch Juden unter Zionisten geben sollte, dann ist das reiner Zufall. Auch hat der Zionismus als Idee rein gar nichts mit der Verfolgung und Diskrimierung der Juden, dem Antisemitismus, zu tun, sondern war nichts weiter als eine fixe Idee eines Gewissen Herrn Herzl, der nur rein zufällig Jude war. Weil Zionisten und Juden was völlig und komplett anderes sind, ist Antisemitismus böse, weil er richtet sich ja gegen Juden, wohingegen Antizionismus total gut und fortschrittlich ist, weil er sich gegen Zionisten richtet, die ja keine Juden sind, und wenn doch auch mal Juden unter den Zionisten sind, ist es auch rein zufällig. Wenn man also Israel „kritisiert“ weil es von Zionisten beherrscht und insgesamt ein zionistisches Projekt ist, so kann das partout nicht antisemitisch sein. Alles klar? Deswegen ist es auch nicht antisemitisch, Zionismus als „Schadstoff“ zu bezeichnen, der alles „überrollt“, s.o. Hat alles nichts miteinander zu tun – also Juden und Zionisten. Ein Schelm ist, wer böses dabei denkt.
Und wer ist denn jetzt wohl des „Teufels Handlanger“? Richtig! USA:

Amerika, überlegen gegenüber jedem Staat, füttert Rüstungspolitik damit man reiche Wähler hat/Wir verkaufen Panzen, das Geld stinkt nach Blut, Wirtschaft und Moral passt halt nicht gut unter ein Hut.

Originell. Warum jetzt ausgerechnet der Verkauf von Rüstungsgütern –  das meint er wohl mit Rüstungspolitik –  zu reichen Wählern führen soll, ist mir nicht so klar. Offenbar bekommt in der Vorstellung des Rappers jeder US-amerikanische Bürger einen festen prozentualen Betrag aus den Verkaufserlösen auf das Konto überwiesen. Wenn dem so ist, dann sollte man das hier auch einführen. Beim Hören des Liedes musste ich mich immer wieder daran erinnern, dass das vorgegebene Thema des Liedes, die „brave Christdemokratin“ Angela Merkel war. So kommt auch nach ein paar Zeilen des üblichen Straße-Härte-Misanthropen-Gelabbers wieder was zu Frau Merkel. Diesmal mit dem, was der Rapper doch gut an ihr findet, gekoppelt mit ein paar Forderungen:

Und ich find sogar was positiv, zum Beispiel den Atomausstieg, den friedlichen Kurs in der Europapolitik/ Doch dann verbannt bei euch den Nazikram, dann raus aus Afganistan, chilled auf den Iran und legalisiert doch mal das Sativa

Interessant ist das Mindset, dass hier zum Vorschein kommt, dass sich zusammenfassend als Friede-Freude-Eierkuchen-ich-will-kiffen beschreiben lässt. Warum man den Iran „chillen“ lassen soll verrät er nicht. Offenbar sieht er keine Bedrohung in einem mit Atomwaffen ausgestatteten Regime bestehend aus islamistischen Mullahs. Ich fang erst gar nicht mit den Vernichtungsdrohungen des Iran gegenüber Israel an, war ja eh alles nur ein Übersetzungsfehler. Es folgen noch ein paar Zeilen Gepose und Weltherrschaftsfantasien, inhaltlich Spannendes kommt nicht mehr.

Und was bleibt? Die Erkenntnis, dass stumpfsinnigste antiimperialistische Positionen weit in der Hiphop-Szene verbreitet sind. Denn auch wenn ich nur diesen Track hier bespreche, finden sich in fast allen teilnehmenden Songs mindestens Bruchstücke aus Verschwörungstheorien und simplizistischen Gut-Böse Vorstellungen. Was anderes war aber auch nicht zu erwarten, die Großen im Rapbiz verdienen mit Antisemitismus und Verschwörungstheorien ihren Lebensunterhalt. Israelhass ist im Rap en vogue und das liegt nicht an aktuellen Modeerscheinungen geschweige den an Israels Politik, sondern an der Art und Weise wie im Rap über Politik gesprochen wird, nämlich als ein duales System, indem die bösen reichen Oberen die guten armen Unteren mit Lügen und Medienmanipulation unterdrücken. Aber vor allem liegt es an den Konsumenten der Musik. Diese bringen natürlich auch entsprechende Schaffende hervor, Ausnahmen bestätigen die Regel. Ein selbstregulierenden Kreislauf quasi, der auch so leicht nicht zu durchbrechen ist. Falls irgendwer der Meinung ist, dass man Marabu und die anderen Rapper wegen ihres Alters und ihrer Unerfahrenheit nicht so streng bewerten dürfe und man ja in einem Rapstück nicht ausführlich ein Thema bearbeiten kann und deshalb alles verkürzt sein müsse (was auch stimmt), denjenigen habe ich Folgendes zu sagen: Bullshit. Ältere erfahrene Leute sagen genau dieselbe Soße und das noch nicht mal in Rapform, sondern in ausführlichen Texten, wo sie mehr Platz haben als 3×16 Zeilen. Es ist keine Frage von Alter oder Platzmangel ob man antisemitisch und menschenfeindlich ist, sondern eine Frage der Ideologie. Wenn Marabu ausführlicher seine Standpunkte ausformulierte, würde die Sache mit großer Wahrscheinlichkeit noch viel übler werden. Wonja von der Gruppe Bandbreite ist da ein lustiges Beispiel. In einem Statement zu der Kritik des Arbeitskreises Dialoge an ihrem Internethit „Selbst gemacht“ versucht er die Vorwürfe des Antisemitismus und Antiamerikanismus zu entkräften. Wie macht er das? Mit antisemitischen und antiamerikanischen Ressentiments und er merkt es noch nicht einmal. (u.a. mit: „Wie kommt ihr darauf das ich Antisemit wär? Wie kommt ihr darauf, dass ich Antiamerikaner wär?..abgesehen davon, dass ich vor drei Wochen in einem Workshop mit Israelis jüdischen Glaubens gemeinsam zusammen gearbeitet habe.“). Dieses dämliche Video ist sehenswert. Ich habe Tränen gelacht, fantastisch.

In diesem Zusammenhang ist auch interessant, die Jury und ihre Kommentare zu den einzelnen Tracks anzuhören. Da es sich ja explizit um die Beschäftigung mit politischem Rap handeln soll, könnte man erwarten, dass problematische Inhalte auch inhaltlich diskutiert und bewertet werden. Passiert aber nicht. In dem Bewertungsvideo zur Runde 1 mit Sookee und Amewu als Juroren liegt der Fokus auf Style, Skills und anderen unpolitischen, künstlerischen Dingen. Amewu findet, man könne Zeilen wie „Arbeit macht frei“ falsch verstehen (sic!). Was gibt es daran falsch zu verstehen? Ich glaube er meint eher, richtig verstehen (min 3:18). Sookee findet es mutig, dass der Rapper diesen Satz in einen „neuen Kontext“ setzt und empfiehlt wachsam zu sein, weil Leute darauf aufmerksam werden könnten (min 4:08). Der Rest ist eine Lobpreisung. Zu Marabu (min 18:15) gibt es fast nur lobende Worte, zum krassen Antisemitismus fällt Sookee nichts ein außer, dass er eine „eigenständige“ Position zum „Brocken“ Nahost hat und sie gerne mehr auf Tracklänge von ihm dazu hören will. Der längste inhaltliche „Streit“ dreht sich um die – auch von mir nicht verstandene – Phallussymbolik.

Angesicht dessen frage ich mich, was die Macher*innen von diesem Format bewogen hat. Was ist so attraktiv daran, Leute zu politischem Rap zu motivieren? Es findet keinerlei inhaltliche Auseinandersetzung mit den Texten statt, was schon etwas zynisch wirkt – schließlich wird doch die ganze Veranstaltung als Teil einer politischen Aufklärungskampagne verkauft. Nicht jede politische Äußerung und nicht jedes politische Engagement ist begrüßenswert. Man sieht ja, wohin das führt. Scheinbar glauben Menschen fest daran, dass es per se gut ist, wenn Jugendliche politisch aktiv sind bzw. sich politisch äußern. Das sehe ich anders. Die Erziehung zu mündigen denkfähigen und reflektierten Individuen (frei nach Adorno) findet nicht darüber statt, dass man ihnen ermöglicht, oberflächlich  politische Themen in Rapstücken zu verhandeln. Wenn dort keine selbstkritische und auch harsche inhaltliche Auseinandersetzung stattfindet, endet das in platten – aber ideologisch gefährlichen – Raptracks wie den von Marabu.

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2 Gedanken zu „Politischer Rap

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