Alles nur Ironie aka Kunst darf alles

Seit einer Weile auf der mentalen Textproduktions-To-Do-List war ein Text zu den Orsons. Durch die Erkenntnis, dass selbige am 11. Mai 2013 in Dortmund auf einem Jugendcamp, organisiert von Falken und Jusos, spielen, hat sich die Fertigstellung ein ganz klein wenig beschleunigt. Zur Info: In dem Artikel kommen Songzitate der Band vor, die transphop und antisemitisch sind und sexualisierte Gewalt beschreiben. LH2R

So langweilig, wie unglaublich: Die Tatsache, dass es Leute – auch „Künstler“ genannt – gibt, deren Ego scheinbar so viel mentalen Raum einnimmt, dass kein Platz mehr für Vernunft ist. Viel unglaublicher jedoch die Tatsache, dass deren Masche auch noch auf Resonanz stößt. Aus dem Deutsch-Grundkurs ist ihnen scheinbar nur dunkel in Erinnerung geblieben, dass es ein Stilmittel namens „Ironie“ gibt, dass die brauchbare Verwendung von Ironie allerdings intelligente Texte  – und auch nachdenkende Zuhörer*innen – voraussetzt, ist ihnen jedoch entgangen.

Folge: Stumpfe Texte, die im Niveau eindeutig auf einer Ebene mit Haftbefehl rangieren, jedoch durch die Performance der „Künstler“ behaupten irgendwie ironisch (= lustig, aber trotzdem mit guten Inhalten) zu sein.

Dazu bleibt eigentlich nur zu sagen: Ich hab nichts prinzipiell gegen Humor. Nur ist Sexismus nicht lustig. Genauso wenig wie Transphobie, sexualisierte Gewalt und Antisemitismus.

Wovon ich eigentlich rede? Davon, dass eine grottenolm-schlechte Band wie „Die Orsons“ fetten inhaltlichen Müll absondern darf ohne große Konsequenzen. Ach doch, Konsequenzen gibt es: Erfolg. Immerhin ist die Palette der anstehenden Gigs recht bunt: Vom „Workers Youth Festival“ der Falken und Jusos bin hin zum Rock am Ring.

Das Musik und vor allem Rap zum Großteil daraus  besteht, dass von ihrer Männlichkeit sehr überzeugte CisMänner Texte aus männlicher Perspektive an einen imaginierten männlichen Zuhörer richten (und dann trotzdem auch von Frauen gehört werden, aber das ist ein anderes Thema) ist man ja schon gewöhnt, aber die Orsons schaffen es doch noch ein negatives Highlight zu sein. Und trotzdem: Öffentliche Kritik: Fehlanzeige. Kritische Auseinandersetzung in Rezensionen: Nö.

Warum sie ein negatives Highlight sind, ist in wenigen Worten gesagt:

„Ich steh da mit meinem Steifen und denk; „ah okay richtig geil!“ jetzt wird es Zeit für K.O.-Tropfen im Wein“ aus Beatles Piraten

Vorweg: Ich glaube nicht, dass die Band irgendeine kritische Intention hat. Aber: Es ist völlig irrelevant, was die Intention dieser Zeilen war. Sexualisierte Gewalt ist kein Stilmittel. Es gibt keine einzige Rechtfertigung dafür so ein Setting mal kurz am Rande in einen völlig belanglosen Songtext einzubauen. Checkt es mal: Das was ihr da „besingt“ ist Realität! Und taugt kein bisschen für eure pubertären Tabubrecher-Allüren. Wenn ihr Tabubrecher sein wollt eine hilfreiche Info: Vergewaltigungsphantasien sind nicht sonderlich originell. Originell wäre ein klares Statement gegen die Verharmlosung von sexualisierter Gewalt.

Aber das ist nicht so eures, wa? Immerhin konsequent dann noch folgenden Text rauzuhauen: sexuell belästigt.

Ein Zitat daraus:

„Gib mir deine Hand; ach ich greif einfach zu. Für mich ist es Liebe pur, doch Du fühlst dich nur sexuell belästigt.“

Nach Sexismus und vor allem der Verharmlosung bis Verherrlichung von Vergewaltigung ist das zweitliebste Thema im Rap ja das Reproduzieren von antisemitischen Ressentiments (mehr dazu u.a. hier und hier). Auch da lassen die Orsons sich nicht lange bitten und machen auch nicht erst komplizierte Andeutung, die man erst entschlüsseln muss: Nein – schön gerade heraus. Subtilität ist nicht ihr Metier – (würde ja auch wieder einen gewissen Grad an Geist voraussetzten):

„Ich will, dass Frauen in meine Wohnung laufen und locke sie wie jüdische Pädophile im Auto, „Hey, willst du nen Bonbon kaufen?“ aus Beatles Piraten

Angesichts des im deutschen Rap allgegenwärtigen Sexismus und Antisemitismus, hat die Band sich dann aber doch bemüht noch einen Joker zu ziehen und noch eine bisher zu wenig durch Rap beachtete Diskriminierungsstruktur zu ihrem ganz persönlichen Hobby gemacht: Transphobie

Zur Einstimmung:

Ich bin Proletrapper, geh raus und erstech ein paar Transen.“  aus Beatles Piraten

Höhepunkt: „Horst und Monika“

Eigentlich spricht der Song für sich. Und auch hier ist es so was von egal was, besser: ob sich die Orsons was beim Song gedacht haben. Die Story des Songs handelt von einer realen Person und wurde ohne Wissen dieser Person veröffentlicht und wird gegen ihrem Willen weiter gespielt. (Hier kommt sie in einem Interview selber zu Wort.)

Der Song ist klassischer Cis*perspektiven-Voyeurismus. Die Lebensgeschichte einer Trans*Person wird gegen ihren Willen zu einem hippen Popsong verarbeitet. Es geht darin nicht um Verständnis und Aufklärung zur Situation von Trans*Menschen. Worum es geht, ist einfach das voyeuristische Vergnügen an einer für Außenstehende absurd wirkenden Story.

Die Presseartikel zu der Lebensgeschichte von Monika basieren auf einem Zwangsouting durch die NPD. Das heißt, sie hat das öffentliche Outing als Trans*Person nicht selbst gewählt. Der Song reproduziert diesen Zwang und sorgt für weitere ungewollte Öffentlichkeit.

Fern ab von dem übergriffigen Verhalten gegenüber der konkreten Person werden in dem Song die üblichen transphoben Stilmittel benutzt und unsinnige Klischeevorstellungen reproduziert. Also nochmal kurz zum Mitschreiben: Eine Person, die sich als Frau identifiziert ist als Frau zu bezeichnen und nicht als Mann. Denn nur eine Person selber kann ihre eigene Geschlechtsidentität definieren. Niemand wird durch eine Genital-OP zur Frau, sie ist es schon vorher – es werden „lediglich“ einzelne Details des Körpers werden einer gesellschaftlichen Vorstellung vom Aussehen von „Männern“ und „Frauen“ angepasst. Auch wird eine solche OP und auch ein Outing als Trans*Person, bzw. eine Namensänderung nicht mal eben einfach so gemacht; quasi spontan. Und: Niemanden geht der ursprüngliche Geburtsname einer Person etwas an.

Wer mehr zu einem nichttransphoben, respektvollen Umgang wissen möchte, kann sich kurz und länger informieren.

Und wer immer reflexartig an das Gute nicht nur im Menschen, sondern auch im Künstler glaubt: Nachdem die Band mit der Kritik an dem Song – explizit auch von der besungenen Person – konfrontiert wurde, tat sie Folgendes: Eine kurzes Statement auf Facebook veröffentlichen, dass sie überhaupt gar nicht transphop sind und der Song auch nicht; den Song auf der Homepage nicht löschen, den Song auf Konzerten weiterhin spielen.

Das Statement selber ist auch bestenfalls humoristisch zu nennen. Ein Auszug:

Wir finden es schade, dass im Jahr 2012 offenbar teilweise noch immer das Vorurteil herrscht, transsexuelle Menschen seien psychisch krank. Dass dieser Unsinn nach wie vor gedacht und behauptet zu werden scheint, hat uns sehr schockiert.“

„behauptet zu werden scheint“ – so ganz können sie es sich scheinbar immer noch nicht vorstellen. Wunderbar karikieren sie damit auch ihre vorherige Aussage, dass die Intention des Songs „Aufklärung“ war. Aufklärung über etwas von dem man selber zugibt nicht die geringste Ahnung zu haben? Suuuper Ansatz.

Zum Gesamtsetting passt auch der Umgang der Fans mit dem Song und der Kritik daran.  Das schlimmste was sich die Leute vorstellen können ist, dass die Kritik dazu führen könnte, dass ein Auftritt ausfällt. Wenn man sich die Reaktionen in Kommentarspalten anguckt ist das Netteste noch, dass die Band für ihre Pseudoentschuldigung abgefeiert wird – ohne irgendwelche Kritik an dem Song; der ist selbstverständlich total cool. Vorherrschend sind jedoch die üblichen „Spaßbremsen“-Kommentare und vor allem viel Transphobie. So wurden auch Teilnehmerinnen einer Kundgebung vor einem Orsons-Konzert in Berlin transphop beleidigt.

Bleibt also zuletzt nur noch die Frage: What the hell machen die auf einem Jugendcamp der Falken/Jusos? Unter anderem auch dort als „Kulturprogramm“: Feine Sahne Fischfilet, Sookee, Antilopengang, Tapete And The Crying Woelf, Elektro Loox, BadaBumm und Bini Adamczak.

Naja, vielleicht soll das ganze ja auch nur ein Aktionsangebot sein, z.B. für die Teilnehmenden dieser Camp-Workshops:

Gemeinsam packen wir es an!

Was haben Männer mit Feminismus zutun und wie schaffen wir die Emanzipation gemeinsam mit Männern und Frauen? Und wieso werden bestimmte Themen wie sexuelle Gewalt oder Sexismusals klassische Frauenthemen behandelt,obwohl es doch ein gesamtgesellschaftliches Problem ist? Diese Fragen wollen wir gemeinsam diskutieren.“

 „Und Brüderle war erst der Anfang… Wie bekämpfen wir Sexismus in unserer Gesellschaft?!

Dürre Models im Fernsehen. LehrerInnen, die behaupten: „Mädchen könnten eh kein Mathe“. WohnungsbesitzerInnen, die keine gleichgeschlechtlichen Paare wollen. Wie bekämpfen wir Sexismus in der Gesellschaft? Was sindgute Strategien hierfür?“

P.S.: Bei wem es noch nicht angekommen sein sollte: Homophobie und Transphobie ist nie okay. Auch nicht als „antifaschistische Beleidigung/Aktion“.

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21 Gedanken zu „Alles nur Ironie aka Kunst darf alles

    1. reactio

      Ich denke, dass sich die Orsons selbst als Kunstprodukt verstehen, d.h. ihre Bühnenpersönlichkeiten sind Karikaturen sowohl der gängige Künstlerklischees (der Introvertierte, der Erleuchtete, etc.) wie auch der jeweiligen Privatpersonen. Diese Herangehensweise kann in der Tat als ironisch bezeichnet werden, da der Künstler sich als Person von „seinem“ Kunstwerk distanziert, indem er dessen Konstruiertheit offenbart und damit jeglichen Authentizitäts- und Absolutheitsanspruch ausräumt; Stichwort romantische Ironie.

      Das Problem bei einigen Orsons-Texten liegt meines Erachtens weniger darin, dass
      „die brauchbare Verwendung von Ironie allerdings intelligente Texte – und auch nachdenkende Zuhörer*innen – voraussetzt“;
      sonder an einem generellen Falschverstehen von Ironie als „ich kann alles sagen/machen solange ich es mit dem Zusatz IRONISCH versehe“. Das ironische Vertreten einer Position setzt aber zwingend voraus, dass ebendiese Postion negativ kritisiert wird. Genau das ist bei den Orsons aber (teilweise) nicht der Fall.

      Antwort
      1. lh2r Autor

        Ich denk da sind wir uns halbwegs einig. Es gibt ja aber durchaus Bands, die behaupten eine negative kritik an dem performten zu haben. Und auch bei diesen funktioniert Ironie mE sehr häufig nicht. Von daher sollten die einleitenden „Ironie-Worte“ etwas über die Orsons hinausgehen.

        Antwort
  1. leo

    ich habe mich köstlich amüsiert beim Lesen dieses „Artikels“

    Der Protest vor dem Orsons Konzert war der Höhepunkt.

    Super war zum Beispiel, dass die Orsons auf einem Protestplakat als „whorsons“ bezeichnet wurden. Ein gruß geht da an die eigene nase 🙂

    Antwort
    1. S1R

      Schön, das du dich so köstlich amüsiert hast beim lesen des „Artikels“, dafür treibt man ja den ganzen Aufwand. Was Du hier mitteilen willst, bleibt aber leider schleierhaft.

      Antwort
  2. puah

    gähn, klar die orsons sind eine böse band. paar lieder rausgreifen, gesamtwerk ignorieren und mit hafti vergleichen. buäh schwach

    Antwort
  3. Nico M.

    Ja hätte man sich jetzt 3 Sekunden länger mit diesen bewusst als Künstler bezeichneten Personen beschäftigt, würde man ganz schnell mal ein wenig mehr davon verstehen was ernst gemeint ist und was nicht und vorallem warum sie sich für verschiedenste Formulierungen entscheiden. Dass direkt von minderen Geistern ausgegangen wird ist ja neumoderne Linke Polemik. Alle paar Monate wird in das Werk verschiedenster Künstler Minderheitsfeindliche Intention hineininterpretiert. Und vornedran sind meist irgendwelche Pseudolinken Weltverbesserer die sich ganz toll dabei fühlen diskrimienierendes Gedankengut zu entlarven und zu diskreditieren und dabei gar nicht zu merken was für ein Kulturnazi sie doch sind. mfg

    Antwort
    1. S1R

      Hätte bla bla. Was willst Du hier mitteilen? Das sich Leute aus purer Langeweile mit so Idioten wie den Orsens auseinandersetzten?

      würde man ganz schnell mal ein wenig mehr davon verstehen was ernst gemeint ist und was nicht und vorallem warum sie sich für verschiedenste Formulierungen entscheiden

      Ja genau, alles nur ein Mißverständnis. Die meinten das nicht so, die wollen nur spielen.

      dabei gar nicht zu merken was für ein Kulturnazi sie doch sind

      Piss off!

      Antwort
    2. lh2r Autor

      Ne Antwort erübrigt sich ja fast von selbst, aber um der Debatte wegen: Zur Info: Solch einen Text zu schreiben dauert länger als 3 Sekunden – leider. Leider vorallem, weil es dazu nötig ist sich das Zeug vorher anzuhören – hätte ich gut drauf verzichten können. Wenn Du den Text gelesen hättest (was dann allerdings auch länger als 3 Sekunden dauert), hättest Du gemerkt, dass sich der Text durchaus mit dem „nicht-ernst-gemeint“-Argument beschäftigt. Du kommst also quasi zu spät. Bring doch mal nen neuen Aspekt; das wäre interessanter. Genauso wie es weit aus interessanter wäre, wenn Bands nicht ewig die selbe sexistische Scheiße wiederholen würden.
      Das Problem ist leider, dass man die Abwertung von Frauen und Minderheiten nicht in irgendwelche Texte hineininterpretieren muss.
      „Kulturnazi“ ist allerdings neu in meiner Beschimpfungssammlung, merci.

      Antwort
  4. Tobias

    Warum ausgerechnet die Orsons? Selbst wenn Ihr die Texte als [hier beliebigen Negativ-ismus einfügen] versteht, muss Euch doch klar sein, dass man die Texte auch völlig anders verstehen kann – wenn man denn möchte. Also warum die schlimmstmögliche Auslegung basteln und dann auf eine Band werfen, die mehr für Toleranz, Nächstenliebe und Freunde am Leben steht und eintritt, als 90% dessen was man sonst so im Mainstream sieht? Orson-Songs waren schon immer irgendwo ein bisschen dada, meinetwegen auch gaga. Muss man nicht mögen, aber in dem Lied Beatles-Piraten negative Botschaften zu sehen, das will mir nicht in den Kopf. Bin ich ein so gesellschaftlicher verkorkster Cis-Mann, dem einfach nicht geholfen werden kann, weil er so tief im System steckt, dass er schon halb blind ist? (Ich fühle mich nicht so, liege ich falsch?)

    Ein Erklärungsversuch: Ist es eine Art „Der Kampf gegen den [XYismus] ist so komplex, dass Ihr denkt die Orsons seien cool – weil ihr das Ganze nicht durchschaut. Aber in Wirklichkeit sind die unauffälligsten die schlimmsten, und das werden wir euch zeigen“ ?? So was?

    Ist jetzt nicht provozierend gemeint, ich verstehe es ehrlich nicht. Und ja, ich habe den Text gründlich gelesen.

    Grüße!

    Antwort
    1. S1R

      Warum ausgerechnet die Orsons? Selbst wenn Ihr die Texte als [hier beliebigen Negativ-ismus einfügen] versteht, muss Euch doch klar sein, dass man die Texte auch völlig anders verstehen kann – wenn man denn möchte

      Ja, man kann versuchen, den ganzen inhaltlichen Müll den die Orsons verbreiten zu ignorieren. Muss man aber nicht. Man kann die Dinge auch so verstehen, wie sie gesagt/gesungen werden. Eine Interpretationsleistung ist es, nicht die antisemitischen, sexistischen und transphoben Inhalte zu hören.

      Also warum die schlimmstmögliche Auslegung basteln

      Da wird nichts gebastelt. Die sagen das so. Wie gesagt, man muss sich anstrengen, etwas „Gutes“ daraus zu hören.

      dann auf eine Band werfen, die mehr für Toleranz, Nächstenliebe und Freunde am Leben steht und eintritt, als 90% dessen was man sonst so im Mainstream sieht?

      Das ist ja noch „schlimmer“. Wenn eine Band sich für das „Gute“ hält und so verkauft ist es umso bescheurter, wenn solch eine Band diskriminierende Sachen sagt.

      Antwort
    2. lh2r Autor

      Hey Tobias,
      ich versuch mal das ein bißchen zu beantworten, weil ich Dir glaube dass es ernst gemeint ist. Allerdings kann ich sicherlich vieles nur anreißen, denn für viele Sachen müsste ich vielzuviel schreiben und zum Teil kann man auch nur Denkanstöße geben, weil es halt auf eine eigene Reflextion ankommt – wenn Du DIch z.B. fragst in wiefern Deine Wahrnehmung dadurch geprägt ist, dass Du ein Cis*Mann bist.
      Es gibt – wie Du selber andeutest – diverse Raper die Vergewaltigungen verharmlosen bzw. verherrlichen. Das tut auch das Lied Beatles Piraten. Es gibt in dem Lied keinen Bruch, der von einer Darstellung zu einer Kritik kommen würde. Wenn Du meinst, dass sich aus dem Gesamtkontext ergibt, dass es nicht ernstgemeint ist:
      a) Zwischen nicht-ernstgemeint und Darstellung zum Zweck der Kritik ist nochmal ein Unterschied. Über zweiteres könnte man diskutieren. Ersteres heißt, dass man (zB) Gewalt gegen Frauen als Stilmittel nutzt ohne sich Gedanken darüber zu machen.
      b) selbst wenn man es kritisch meint, sollte man sich sehrsehr gut überlegen, ob man Klischees oder Gewalt unbedingt darstellen muss. Denn zum einen ist es für Betroffene von Gewalt und/oder Diskriminierung anstrengend sich dies immer wieder anhören zu müssen – auch wenn „nicht ernstgemeint“. Zum anderen reproduziert man damit diese Bilder. Wir alle haben bestimmte gesellschaftiche Wertungen und Klischeebilder im Kopf – selbst wenn wie diese intelektuell ablehnen. Es gibt ziemlich viele wissenschaftliceh Studien zu den Auswirkungen davon. Dass z.B. wenn man Menschen Blondinnenwitze zu lesen gibt und später durch einen Test die unbewusste Haltung zu Geschlechterstereotypen abfragt (also nicht direkt nach der EInstellung der Leute fragt, sondern z.B. über Assoziationsmethoden Vorurteile abfragt) das vorherige Lesen der Witze die Vorstellung, dass Frauen schlechter logisch denken können als Männer vertaärkt wurde, weil ein irgendwo im Kopf abgespeichertes Klischeebild durch die Witze „aktualisiert“ wurde – also bildlich gesprochen aus irgendeiner Dachbodenkiste wieder ans Tageslicht geholt. Und diese Test kommen explizit auch bei Leuten, die sich selber für modern eingestellt halten zu diesen Ergebnisse. Ein gutes Buch wo man die Wirkung von Stereotypen gut nachlesen kann ist: Die Geschlechterlüge. Dort werden viele dieser Studien für Laien verständlich zusammengefasst.
      Und weil das Wiederholen von Ressentiments eine Wirkung hat – egal wie es gemeint war – ist es völlig verantwortungslos über „jüdische Pädophile“ zu rappen. Das Klischee, dass jüdische Menschen Kinder töten und in Riten missbrauchen, ist hunderte von Jahren alt, hat schon zu vielen Pogromen und Lynchmorden geführt und ist leider immer noch aktuell. Das es aktuell ist merkt man alleine an dem Song – den sonst wären die Orsons gar nicht auf die Zeile gekommen. Aber leider gibt es auch immer noch genug Leute, die das in hundertprozentig ernstgemeinten Texten und Videas propagieren.
      c) Gerade wenn eine Band erfolgreich ist kann es nicht sein, dass man eine (angebliche) ironsiche Deutung nur aus dem „Gesamtkontext“ der Band herleiten kann. Die Songs hört man ja nicht nur als Fan. Z.B. ich habe Beatles Piraten das erste (und hoffentlich letzte)mal gehört als ich bei Spotify „Dendemann-Radio“ laufen hatte. Ich will also einfach chillig ein bißchen guten Rap hören – und plötzlich: „Ich steh da mit meinem Steifen und denk; „ah okay richtig geil!“ jetzt wird es Zeit für K.O.-Tropfen im Wein“. In meinem Bekanntenumfeld gab es vor einiger Zeit eine Vergewaltigung mit K.O.-Tropfen. Ich war mega schockiert, dass es Leute gibt die meinen das mal eben in einen humoristischen Song packen zu können. Du siehst ich dementiere nicht, dass der Song humoristisch gemeint ist – ich bin nur entsetzt dass Leute so etwas für Humor halten. Vielleicht hilft es dir weiter, wenn du ein bißchen was zur Auswirkung von Traumatas durch Vergewaltigungen ließt und dann nochmal überlegst was es bedeutet einfach so als Betroffene mit so einer Textzeile konfrontiert zu werden. Ich versuche eigentlich immer Äußerungen in verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten zu betrachten. Aber bei diesem Song fällt mir wirklich überhaupt keine Interpretation ein, die die im Text kritisierten Zeilen irgendwie rechtfertigen könnten.

      Das war der ganz kurze erste Punkt (:)) unter der Hypothese, dass die Band irgendwie kritischer oder cooler als der Mainstream ist. Und jetzt die Begründung warum sie es a) nicht ist und b) es relevant war ausgerechnet diesen einen Auftritt im speziellen zu kritisieren.
      Die Kurzfassung warum der Song „H… und Monika“ transphob ist wird oben erläutert. Die Orsons kennen diese Kritik; wissen das sowohl die konkrete Person als auch viele andere Trans*Menschen den Song auf gut deutsch „zum kotzen“ finden. Sie behaupten nach Bekanntwerden der Kritk der Song solle pro-trans* sein. Wenn sie das ernstmeinen würden, müssten sie jedoch entsprechende Kritik von Trans*Leuten ernstnehmen, Das sie dies nicht tun, sondern den Song weiterspielen kann nicht anders als damti erklärt werden, dass es ihnen ziemlich egal ist, dass die Trans*Leute mit dem Song verletzen. Wenn die dann sogar gegenüber den Festival-Veranstalter*innen entgegen besserem Wissen so tun als wäre z.B. Atme e.V. mittlerweile mit der Benutzung des Songs einverstanden ist das nett gesagt ignorant und dreist. Das sowohl die Band als auch ein Großteil der Fans kein großes Problem mit Sexismus, Trans*- und Homophobie haben konnte man in den letzten Tagen bemerken. Die Band hat gegenüber den Protestierer*innen sexistische Ansagen von der Bühne heruntergemacht. Auch von den Fans kamen am laufenden Band sexistische und homophobe Beleidigungen. Und wenn man die Facebook-„Diskussion“ zu den Protesten anschaut, liegt der Anteil der Fans, die meinen diese scheiß „Homos“ sollen sich nicht so anstellen bei ungefähr 98% gegenüber 2% die (wie Du) versuchen die Kritik nachzuvollziehen.

      Und nun der letze Punkt zu warum ausgerechnet die Orsons: Der Auftritt fand im Rahmen eines politischen Festivals statt, welches unter andere auch explizit antisexistisch positioniert war. Wenn in einem solchen Rahmen, solche Texte gespielt werden, kommt es eher als in anderen Kontxten dazu, dass der Eindruck entsteht so etwas seie „okay“. Also quasi die feministishen Workshops des Festivals als Gütesiegel für die Band, um noch besser ihre transphobes und sexistisches Zeug verkaufen zu können.

      Ich hatte es ja angekündigt: Es lässt sich nicht gleichzeitig und kurz erklären.
      Gruß LH2R

      Antwort
  5. Tobias

    Danke für Eure Antworten!! Ich kann sagen, dass ich nun in der Tat besser verstehe (und respektiere) was Euch in der Sache antreibt. Das vorweg. Ehrlich Danke.

    Warum ich persönlich die Orsons dennoch weiter hören werde: lh2r, Du schreibst: „Es gibt in dem Lied keinen Bruch, der von einer Darstellung zu einer Kritik kommen würde.“ Dieser Punkt lässt sich ja ganz gut auf das Gesamtproblem anwenden: Für mich, in meinem persönlichen Empfinden ist eben bereits die Darstellung Kritik – und zwar eine Art der Kritik, die mich wie keine andere zum Nachdenken bringt. Witze über etwas zu machen, dass nicht lustig ist lässt mich bekannte Probleme nochmals aus einem anderen Blickwinkel betrachten. z.B die Textzeile mit den K.O.-Tropfen lässt mich schaudernd nachdenken über eine Party- und Clubszene in der derartige Übergriffe passieren. Ein guter Witz über die NS-Zeit geht mir so viel tiefer an die Seele als jede akkurate Berichterstattung darüber. Irgendein britsicher Komiker meinte mal in etwa: Es ist Zeit dass die Deutschen lernen über Hitler zu lachen, solange sie das nicht können, haben sie nicht verstanden was passiert ist. Sehe ich ähnlich beim Thema Sexismus, Homophobie etc. Hier spielt für mich der (von Euch zurecht kritisch gesehene) Punkt „Kunst darf das!“ eine große Rolle. Wo habe ich Raum, über die ungeheuerliche Absurdität einer Vergewaltigung zu lachen, ohne die Opfer zu verletzten oder Täter zu verharmlosen? In der Kunst. Und bei den Orsons sehe ich eben diese ironische Komponente, die Menschen wie Massiv zB nicht hat.

    Ich hatte für eine längere Reise ein Sido- und ein Peter Fox Album auf dem mp3-Player und habe beide ein paar Mal gehört. Peter Fox war der, der mir unangenehm aufgefallen ist. Bei ihm kochen die Frauen, während die Männer sitzen und reden, kaufen den ganzen Schmuck und müssen über Pfützen getragen werden – ganz unauffällig in die Texte von Dudel-Hits wie Haus am See etc. eingestreut. Bei Sido hingegen werden sie halt mal beschimpft, mal zum Objekt seiner (ich behaupte mal: bewusst) plumpen Balzerei. Was ich viel unproblematischer fand und ich mit lyrischer Freunde hören konnte.

    Aber glaubt mir trotzdem, ich verstehe jetzt besser was ihr meint. Ganz dreist formuliert: Ich finde es gut dass es Wächter gibt die da ein seeeehr genaues Auge drauf haben – dann muss ich es nicht tun. 😛

    LG.

    PS: Dass die Gegenreaktionen zum teil unter aller Sau sind steht außer Frage

    Antwort
  6. lh2r Autor

    Hey, cool, dass Du mir den Antworten ein bißchen was anfangen konntest. Ich halte mich heute kurz. Was Du mit dem Sido – Peter Fox-Vergleich meinst kann ich völlig nachvollziehen. Wobei ich es auch völlig verstehe, dass Leute es für sich persönlich viel zu krass finden und deswegen auch nen Unterschied finde, ob Du das für Dich auf nem mp3-Player hörst oder auf ner Party laufen lässt.
    Wo wir wohl nicht auf einen Zweig kommen ist das:
    „Wo habe ich Raum, über die ungeheuerliche Absurdität einer Vergewaltigung zu lachen, ohne die Opfer zu verletzten oder Täter zu verharmlosen? In der Kunst.“
    Das stimmt eben so nicht. Beides kann passieren und passiert auch. Mit Humor solche Themen anzugehen ohne zu riskieren, dass eines davon passiert ist eine extrem knifflige Sache und wird leider von den meisten nicht beherrscht. Und ich vertrete die These, dass es von vielen auch nicht ausreichend versucht wird; eher der Tabubruch gesucht und sich dann hinter „Kunst“ und „Ironie“ versteckt. Ist ja auch einfacher – das ist nicht zynisch gemeint, denn es ist ja nun mal wirklich anstrengend sich viele Gedanken, um die Auswirkungen des eigenen Handelns zu machen.

    Edit:
    Zudem macht es auch einen großen Unterschied wer in welchem Kontext versucht etwas mit Humor zu thematisieren. Ansich bin ich ein großer Freund davon Leute nicht nach ihren Identitäten, sondern ihrem Handeln (inkl Sprechen) zu beurteilen, aber gerade bei dem schwierigen Thema – ich nenn es mal Diskriminierung und Kunst/Humor – macht die Perspektive aus der etwas gesagt wird einen großen Unterschied. So z.B. wenn von Leuten, die nix damit zu tun haben voyoristisch über Trans* geredet wird,bzw von Leuten, die in der Disko vermutlich nicht wegen K.O.-Tropfen auf ihr Glaß aufpassen (müssen) über solche Situationen. Zwei coole Beispiele von dem Versuch Transphobie durchaus mit einem Lachen zu thematisieren – aber eben aus der perspektive von Trans*Leuten – finden sich hier: und

    Antwort
  7. Pingback: Stellungnahme zum Auftritt „Der Orsons“ auf dem WYF « Falken Sachsen

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