Der genetische Code der Gentechnik

Ich hatte mal ein Erlebnis. Damals, vor nicht als so langer Zeit erzeugte die Nachricht, dass die EU-Kommission einen gentechnisch veränderten Mais (GV-Mais) zum Anbau zugelassen hatte, spontanes Unwohlsein. Mir schossen Bilder von Menschen in weißen Ganzkörper-Overalls auf Maisfeldern durch den Kopf, die böse grinsenden Maiskolben Pappschilder mit Radationwarnsymbol entgegen hielten. Bilder von Tellern mit Monstergemüse, das einen vergiften wollte; Gift und Pestizide überall – ausgebracht vom bösen US-Konzern Monsanto (die mit dem Agent Orange und Vietnam), um unser schönes Ländle zu zerstören und uns zu kontrollieren. Bilder von Frankensteingemüsen und von den RetterInnen, die gemeinsam am Anti-Monsato-Day protestieren.

An dieses Gefühl kann ich mich noch sehr gut erinnern und auch heute noch bricht es sich manchmal Bann. Ein ähnliches Gefühl beschleicht mich heute beim Biss in eine Bockwurst, weil meine muslimische Erziehung es durch jahrzehntelange Konditionierung, dass Schwein vom Teufel ist, es geschafft hat, meinen Körper zu durchdringen. Ich esse heute mit Freuden Schweinesteak und Blutwurst, weil mir Religiöses nichts mehr bedeutet. Das Gefühl werde ich aber nicht ganz los, es wird nur von Jahr zu Jahr schwächer.

Ähnlich wie mir muss es auch dem Großteil der Deutschen gehen, mindestens 80 % müssten es sein. Ich will jetzt hier nicht auf die Gründe für diese Ablehnung eingehen, das haben andere gemacht. Dazu hier hier hier hier hier hier. Was mir nur auffällt ist, dass zwar viel über Gentechnik geredet wird, aber dass es so gut wie keine inhaltliche Auseinandersetzung sowohl mit den Argumenten der Gegner, als auch über die konkreten gentechnischen Pflanzen und ihren Eigenschaften gibt. Vielmehr läuft die `Auseinandersetzung´ auf einer  Glaubensebene ab, bei der es nicht um Nachprüfbares geht, sondern um theologische Fragestellungen. Zum einen liegt dies daran, dass es sich bei der Gentechnik um ein Thema handelt welches Fachkenntnis erfordert und sich einem nicht ohne weiteres erschließt. Und zum anderen assoziieren die meisten Menschen mit Genen so was Ähnliches wie Schöpfung – selbst dann wenn sie es nicht so kirchlich formulieren würden – und dass der Mensch sich da einmischen kann, macht offenbar Vielen Angst. Diese emotionale Ausrichtung der Debatte wird dadurch verstärkt, dass Umwelt-NGOs wie Greenpeace, BUND etc. eine Art Kirchenrolle übernehmen und ihrem Glaubensdogma folgend Propaganda völlig losgelöst vom Stand der Forschungslage und dem gesicherten Wissen über Gentechnik verbreiten. Zusammen mit der Tatsache, dass NGOs ein extrem großes Vertrauen genießen und Menschen ihnen deshalb glauben, führt dies zu der hysterischen Angst und Ablehnung von Gentechnik. Hinzu kommt noch, dass Menschen grundsätzlich Angst vor Neuem haben und vor Dingen, die sie nicht verstehen. Gekoppelt mit einem diffusen Antikapitalismus, führt die Tatsache, dass nur große Konzerne grüne Gentechnik machen  können (s.u.), zu einem extremen Misstrauen gegenüber Forschung und Politik. Um zumindest die Ebene des Wissens etwas zu erhellen, habe ich mir vorgenommen zu versuchen, die Gentechnik zu erklären. Dazu werde ich einige Beispiele von gentechnischen Anwendungen anführen und hoffe, dass Leute ohne ein Biologiestudium nach der Lektüre des Textes etwas mehr Verständnis von der Materie haben.

Gentechnik bezeichnet Verfahren, mit denen einzelne oder mehrere Gene (bestehend aus DNA) von einem Organismus (Zelle, Tier, Pflanze, Mensch) in einen anderen Organismus übertragen werden. Gene sind Baupläne für Proteine (Eiweiße). Davon gibt es sehr, sehr viele in einer Pflanze (auch in allen anderen Organismen) und sie bestimmen, was ein Organismus kann und wie er aussieht. Dazu bedient sich die Gentechnik Verfahren, die allesamt aus der Natur abgeguckt wurden. Das heißt das alles, was in einem gentechnischen Labor gemacht wird in beinahe gleicher Weise (nur ohne konkrete Zielsetzung) im Boden eines jeden Waldes passiert. Bevor ich erkläre wie genau das abläuft, ist es sinnvoll vorher noch etwas anderes herauszufinden. Wie läuft Züchtung ab und warum gibt es Züchtungen? Züchtung ist die Erzeugung von Pflanzen oder Tieren mit gewünschten Eigenschaften, wie etwa ein hoher Ertrag. Dazu werden einzelne Individuen, die die jeweils gewünschten Eigenschaften haben (beispielsweise eine besonders süße Orange mit einer besonders Trockenresistenten), gekreuzt und geguckt, ob die Nachkommen besser sind als die Elterngeneration. Diese Kreuzungen finden nicht nur innerhalb einer Art statt, sondern auch über Artgrenzen hinweg; so entstand beispielsweise der heutige Weizen. Eine andere Methode der Züchtung heißt Mutagenese, was nichts anderes heißt, als dass man Pflanzen einem Mutagen (z.B. Röntgenstrahlung) aussetzt und guckt was dabei raus kommt. Gene mutieren und erzeugen dadurch neue Eigenschaften. Ich weiß, für viele ist dieses Wort „mutieren“ unangenehm und die Vorstellungen unerfreulich, aber neue Eigenschaft heißt nicht, das per Bestrahlung ein Hulk entsteht – ehrlich das passiert nur im Film -, sondern das z.B. eine erhöhte Trockentorelanz entsteht oder mehr Körner an einem Maiskolben wachsen. Es können aber auch ungewollte Eigenschaften (wieder) auftreten, wenn zum Beispiel der Giftgehalt der Kartoffel sich erhört (LenapeKartoffel). Mutieren heißt, dass sich Gene verändern. Das passiert auch ganz ohne Einfluss von außen einfach so und das bei allen Lebewesen.

Dank Mendel wissen wir, dass bestimmte Eigenschaften von Organismen an Gene gekoppelt sind, zum Beispiel die Blütenfarbe. Und von Darwin wissen wir, dass es so was wie Evolution gibt, also dass bestimmte Eigenschaften begünstigt werden, wenn sie dem Individuum in einer gegebenen Umwelt einen Fortpflanzungsvorteil verschaffen (Selektion). Züchtung ist also Selektion ausgeübt von Menschen im Rahmen der Landwirtschaft, da sie bestimmen, was sich fortpflanzt und was nicht, um einen höheren Ertrag, einen besseren Geschmack, eine längere Haltbarkeit, eine bessere Witterungsbeständigkeit oder schlicht Genießbarkeit (Z.B. das Gift Solanin in Tomaten und Kartoffeln zu reduzieren oder im Falle der Paprika die Reduzierung von Capsaizin) etc. zu erreichen (voll arrogant, ne?).

Was hat das jetzt mit Gentechnik zu tun? Im Prinzip alles. Anstatt dass man ganze Genome, also die Gesamtheit aller Gene eines Organismus mit dem eines zweiten kreuzt und auf das richtige Ergebnis hofft, erlaubt die Gentechnik den Transfer von einem einzelnen Gen, von dem man vorher weiß für welche Eigenschaften es steht. Auch wenn Organismen höchst komplex sind und ebenso die Wechselwirkungen zwischen Genen und Proteinen, so gilt trotzdem die Regel: Ein Gen = ein Protein = eine Eigenschaft. Falls  es dennoch unerwartete Wechselwirkungen gibt, so werden diese in Testreihen  bemerkt. Das gilt nicht nur für Gentechnik, sondern genauso für konventionelle Züchtungen. Gentechnik ist also ein gezielter Einfluss auf die übertragene Eigenschaft, statt der trail-and-error Methode der sogenannten konventionellen Züchtung. Gentechnik ist Züchtung im ganz Kleinen. Ich möchte das Anhand eines Beispiels versuchen zu erklären: Bt-Mais. Dieser Mais sieht aus wie Mais, schmeckt nach Mais, riecht wie Mais, braucht exakt die gleichen Lebensbedingungen wie Mais und: Er ist Mais. Außer all diesen klassischen Mais-Eigenschaften enthält er ein weiteres Gen, welches für das Entstehen von dem sogenannten Bt-Toxin[1]  im Mais zuständig ist. Das Toxin ist ein Stück Protein, dass im Darm von Larven des Maiszünslers wirkt (und nur da!)  und letztlich zum Sterben der Larve führt. Warum will man diese arme Motte töten? Der Maiszünsler ist der größte Schädling von Mais. Bt steht für Bacillus thuringiensis, ein weit verbreitetes Bodenbakterium welches das Bt-Toxin produziert. Bakterien sind überall und sie dienen anderen Bakterien oder Kleinstlebenwesen als Nahrung. Um zu verhindern als Nahrung zu enden, produzieren die allermeisten Bakterien irgendwelche Gifte. Eines dieser Gifte ist das Bt-Toxin welches nur gegen den Maiszünsler wirkt. Da die Giftwirkung auf einer Wechselwirkung zwischen Bt-Toxin und ganz speziellen Proteinen im Darm des Maiszünslers beruht, ist es für Menschen sowie Tiere absolut ungiftig [2]. Daher wird es in der Ökolandwirtschaft (dem materialisierten gutem Gewissen) schon sehr lange als Schutz von Mais eingesetzt. Bei einer Feldbehandlung wird entweder das Bt-Toxin als Reinstoff oder aber Lösungen mit dem Bakterium (Bacillus thuringiensis) verspritzt.  Allerdings lebt die Larve des Maiszünslers ungünstigerweise innerhalb des Maises – und zerstört dort mit ihren Fraßgängen den Mais – und nicht an der Oberfläche. Daher erreicht ein Großteil der Mais-Medizin sein Ziel überhaupt nicht. Deshalb werden Tonnen von dem Zeug verspritzt, um überhaupt irgendeine Wirkung zu erzielen. Das ist  nicht giftig (s.o.), aber auf Dauer sauteuer. Außerdem sind Pflanzenschutzmittel, egal ob sie gefährlich sein könnten oder nicht, dank gewisser Organisationen so dermaßen verrufen, dass man am liebsten keine verwenden würde, was allerdings zu sehr hohen Ernteausfällen führen würde [3]. Da haben sich dann Leute gedacht: Wir bauen das Gen für das Bt-Toxin in den Mais. Da muss man nicht mehr spritzen gegen dieses Vieh und es wirkt an Ort und Stelle, da das Mais-Gewebe nun das Toxin enthält und dem Zünsli das Essen versauert. Ob man als Konsument jetzt das Toxin aufnimmt, was auf der Pflanze oder in der Pflanze ist, ist völlig egal –  zumal es wie gesagt eh ungefährlich ist. Wie haben die das gemacht? Zuerst braucht man das Gen, welches für die Herstellung von Bt-Toxin sorgt. Das Gen borgt man sich aus dem schon erwähnten Bakterium. An das entscheidende Gen zu kommen ist  ziemlich einfach. Die Methode nennt sich PCR (Der Erfinder dieser tollen Methode ist leider ein ziemlicher Depp und macht heute sehr unschöne Sachen, wie HIV leugnen. Vielleicht die Nebenwirkung von LSD). Man erhält ein Stück DNA (das Gen), das für das Bt-Toxin codiert. Konkret heißt das, dass dieses Stück DNA die Information enthält, wie man das Bt-Toxin baut. Denn das ist die Voraussetzung dafür, dass der Mais anhand dieses Bauplans das Bt-Toxin herstellen kann. Dem Mais ist es egal, woher irgendein Stück DNA kommt, denn DNA hat keine „Staatsangehörigkeit“. Jeder Organismus ist in der Lage, Proteine anhand von DNA zu bauen, da der Genetische Code universell ist, d.h. er ist in allen Lebewesen (Bakterien, Pflanzen, Tieren, Menschen) gleich. Vielleicht kann man sich das so vorstellen: Ein Bildnegativ kann von allen Fotodienstleistern zu einem Foto entwickelt werden, egal aus welcher Kamera oder Film es kommt, weil das Verfahren gleich ist und man weiß, was man tun muss. Um den Mais dazu zukriegen das Toxin selber herzustellen, muss man sich also „nur“ überlegen wie das Gen in den Mais kommt. Dazu wird es in einen sogenannten Vektor gepackt. Im ersten Schritt wird dazu ein Plasmidvektor genutzt. Plasmide sind runde DNA-Stücke, die für einen Informations- und Eigenschaftenaustausch zwischen Bakterien sorgen. Dieser Austausch findet ständig um uns herum statt. Wenn man Plasmide, die sogenannte „Fremd-DNA“ enthalten (also in diesem Fall das Bt-Gen) einem Bakterium gibt und es dieses aufnimmt nennt man das „Transformation“ (klingt cool oder?). Das Bakterium wird transformiert. Nachdem das Bakterium  transformiert wurde, kann das Bakterium selber als Vektor verwendet werden, um die Pflanze zu transformieren. Vektor bezeichnet lediglich den Träger für die DNA, die in einen Zielorganismus gelangen soll. Wie das geht? Man nimmt dazu natürlich vorkommende Bakterien, die in Pflanzen Tumore verursachen. Die Bakterien bringen die Pflanze dazu Tumore zu entwickeln, indem sie ein Plasmid verwenden, dass neue Gene in das ursprüngliche Genom der Pflanze einbaut. Diese neu eingebauten Gene sagen der betreffenden Zelle: Vermehrt euch, weil damit vermehrt ihr mich! Diese netten Typen kann man dazu überreden anstatt ihre Tumor-Gene zum Beispiel das Gen fürs Bt-Toxin in das Genom einzuschleusen. Und tada: Fertig ist der Bt-Mais. Wer jetzt denkt, ein Gen von Organismus A in das Genom von Organismus B einzubauen, sei voll krass unnatürlich, sollte sich darüber im Klaren sein, dass Viren und Bakterien genau das Gleiche jeden Tag ununterbrochen machen. Wenn jemand eine Erkältung hat, kann er sicher sein, dass kleine Teile des Genoms von der Person von der er sich angesteckt hat, mit den Viren zusammen in den Körper gelangt sind. Wie schon oben in Bezug auf die Züchtung gesagt, nutzt man für die Gentechnik einfach sowieso ablaufende Mechanismen. Der Unterschied liegt weniger im Vorgang als im gezielt erreichtem Ergebnis statt einem Zufallsprinzip.

Update 2 [04.05.2014]

Hier noch eine kleine Infografik zu den Züchtungsmethoden und deren Auswirkung auf die Gene der Pflanzen.

How crops are genetically modified

How crops are genetically modified

Abschließend möchte ich noch einige Beispiele für Gentechnik aufzeigen um eventuell die Ängste zu reduzieren. Es gibt Mais (und andere Arten), die gegen das Herbizid Glyphosat resistent sind. Glyphosat ist ein Stoff, der in einen nur bei Pflanzen und einigen Bakterien vorkommenden Stoffwechselweg (Shikimatweg) eingreift. Das Glyphosat blockiert ein Enzym des Shikimatwegs der Pflanze, woran die Pflanze eingeht. Glyphosat wird von im Boden lebenden Bakterien vollständig verarbeitet und ist somit biologisch abbaubar. Da es keinerlei Auswirkungen auf Menschen und Tiere hat und auch sonst im Bezug auf Umweltverträglichkeit sehr positive Eigenschaften besitzt, wird es schon lange zur Unkrautbeseitigung verwendet. Um es auch für die Unkrautkontrolle in der Landwirtschaft nutzbar zu machen, wurden Pflanzen entwickelt, die eine Variante von dem oben erwähnten Enzym produzieren. Diese Variante stammt aus dem Bakterium Agrobacterium tumefaciens, macht chemisch das Gleiche wie das andere Enzym und lässt sich durch Glyphosat nicht hemmen. Somit überleben diese Pflanzen eine Feldbehandlung mit Glyphosat, während unerwünschte Pflanzen eingehen. Ein weiteres Beispiel ist der Goldene Reis. Dieser kann im Gegensatz zum Standardreis in seinen Körnern das Provitamin A bilden. Die Körner sind deshalb gelb – daher der Name goldener Reis. Provitamin A ist ein sehr wichtiges Vitamin und Mangel daran führt zu Erblindung und Tod. Der Grund, warum der Goldene Reis entwickelt wurde ist der, dass in Asien und vielen anderen Weltregionen vor allem arme Menschen fast ausschließlich Reis zu sich nehmen. Dies führt unweigerlich zu Mangelerscheinungen und zum Tod von Millionen von Menschen. Durch den Verzehr von Goldenem Reis könnte dem entgegen gewirkt werden, doch dank Greenpeace wurde und wird der Anbau immer weiter verzögert (das ist ein Thema, wo mir vor Wut der Kopf rot anläuft, weshalb ich hier nicht weiter darauf eingehen möchte).

Nachdem ich hoffentlich verständlich das Grundprinzip der Gentechnik erläutert habe, möchte ich ein paar Überlegungen zur „Gefahr“ von Gentechnik anstellen. Was haben gentechnische und nicht-gentechnische Züchtungsmethoden (die Definition ist übrigens fließend) gemeinsam? Sie haben zum Ziel Pflanzen oder Tiere zu erzeugen, die verbesserte Eigenschaften haben. Da wären höherer Ertrag, Schädlingsresistenz, Reduzierung der Düngung, Trockenresistenz und noch viele Weitere. Die Verbesserung von Nutzpflanzen und -tieren ist seit Beginn des Ackerbaus (notwendiger) Bestandteil der Landwirtschaft. So gut wie alle Feldfrüchte, die heute angebaut werden kommen in der „freien Natur“ in der Form nicht vor und können ohne die Pflege von Menschen nicht existieren. Sie sind genauso Kulturprodukt wie Sprache, Schrift und Architektur. Natürlichkeit im Zusammenhang mit Landwirtschaft ist eine absurde Forderung. Schon die Landwirtschaft an sich ist nicht „natürlich“; sie ist per se eine Veränderung der Vegetation durch den Menschen. Aber zurück zum Thema. Will man mit klassischen züchterischen Methoden neue Eigenschaften erzeugen, bleiben einem die Kreuzung (auch über Artgrenzen hinweg) oder Mutagenese. Bei beiden Verfahren ist Kollege Zufall die treibende Kraft, denn niemand kann vorhersagen was am Ende rauskommt und falls eine gewünschte Eigenschaft auftritt, weiß man nicht, was sich sonst noch im Genom geändert hat. Man verändert auf einen Schlag tausende von Genen gleichzeitig. Im Gegensatz dazu setzt die Gentechnik voraus, dass man die Gene und den molekularen Mechanismus für eine bestimmte gewünschte Eigenschaft vorher kennt und verstanden hat. Das hat  zur Folge, dass man eben nicht wahllos alles Mögliche ändert, sondern gezielt arbeiten kann. Es ist das Gegenteil von Zufall und Unvorhersehbarkeit. Eines der Hauptargumente von Gegnern der Gentechnik ist es zu sagen, man wisse nicht, was der Einbau eines Gens für Konsequenzen hätte. Angesicht der oben beschriebenen Situation mutet es doch ziemlich albern an, so etwas zu behaupten und gleichzeitig der konventionellen Züchtung keine solchen Gefahren zu unterstellen, obwohl sie nachweislich viel mehr verändert als Gentechnik. Das wäre so, als würde man einem Bulldozer (klassische Züchtung) weniger Potenzial für Zerstörung zusprechen als einer Spitzhacke (Gentechnik). Die Gentechnik ist das kontrollierbarste Verfahren das man sich vorstellen kann, da es eine falsifizierbare Grundannahme gibt, die theoretisch fundiert und praktisch erprobt ist. Und jede Abweichung davon würde sofort auffallen, weil Testverfahren dies garantieren. Aber wie gesagt, Gentechnikgegner/inne/n geht ist nicht um Fakten oder Argumente, sondern um eine Fundamental-Agenda. Das andere Hauptargument ist, dass es nicht genug Studien gäbe. Zum Spaß empfehle ich bei Google Scholar nach „genetically modified“ zu suchen. Es kommen über 1.3 Mio Ergebnisse. Zum Vergleich: „Heart Attack“ produziert 2.2 Mio. und „diarrhea“ 960 Tsd. Das nicht genug geforscht würde ist die offensichtlichste Lüge unter allen, denn die Fachzeitschriftenlandschaft spricht eine eigene Sprache. Die Studienlage zu Gentechnik und deren angeblichen Gefahren ist eindeutig, sie wird nur schlicht unterschlagen. Was aber besonders auffällt ist die Argumentation, dass Gentechnikbefürwortende immer von der „Gen-Lobby“ (was für ein Euphemismus) bezahlt oder irgendwie anders manipuliert oder gekauft sind. Die Abwehr erfolgt fast immer über die Diskreditierung der Person/Organisation als Ersatz für eine inhaltliche Auseinandersetzung. Und es ist wirklich heftig zu sehen, wie das Verschwörungsdenken Gentech-Gegner/innen derart beseelt hat, dass sie sich überhaupt nicht vorstellen können, dass sie a) einfach falsch liegen mit ihrem Glauben und dass b) Leute einfach aus rationaler Überzeugung Gentechnik gut finden. Ein weiteres vielgehörtes Argument ist, dass es die Technik zu neu sei und aufgrund von mangelnder Erfahrung und Langzeitstudien keine Einschätzung der Gefahren möglich sei und man deshalb aus Vorsicht Gentechnik solange verbieten solle, bis das geklärt sei. Mit anderen Worten: Gentechnik bleibt verboten bis in alle Ewigkeit. Dieses „Argument“ fordert nämlich etwas, dass wissenschaftstheoretisch unmöglich ist: die Garantie das etwas nicht eintritt. Das geht nicht. Weil es aber für Laienohren so klingt, als sei das ja nur noch die eine oder andere Studie mehr, fällt es nicht mehr auf, dass es ein Argument der Fundamentalablehnung ist. Davon einmal abgesehen, gibt es fast keine Studien, die länger dauern als die mit GVOs. Seit nunmehr fast dreißig Jahren werden weltweit GVOs angebaut und von Menschen verzehrt und es gibt keinen einzigen Todes- oder Krankheitsfall im Zusammenhang mit GVOs. Dies trifft auch für die Gegenden Europas zu, wo GVO in relevanten Mengen angebaut werden wie etwa Spanien. Wer was anderes behauptet, der lügt schlicht und ergreifend. Behaupten kann jeder alles zu jeder Zeit, doch wie heißt es so schön: Die Mehrzahl von Anekdote ist nicht Daten. Rein von der Logik her sind auch keine Gefahren von gentechnischen Verfahren zu erwarten, weil alles, was man Gentechnik vorwirft in exakt gleicher Weise (und sogar verstärkt) für konventionelle Züchtung gilt. Zu Guter Letzt sei noch auf den Vorwurf der sich unkontrollierbar verbreiteten bösen Agro-Gene eingegangen. Für Menschen, die nicht wissen worum es geht: Gentechnisch in Pflanzen eingebrachte Gene würden sich unkontrolliert in der Natur verbreiten und in andere Arten einkreuzen und somit immense Schäden anrichten. Zu erst stellt sich die Frage, warum ein gentechnisch eingebrachtes Gen, also eine bestimmte Eigenschaft, sich überhaupt verbreiten sollte und nicht auch Gene, die durch konventionelle Züchtung erzeugt wurden. Und zum zweiten stellt sich die Frage, was bitte schön so schlimm daran wäre, falls die eine Eigenschaft in irgendeine Art einkreuzen sollte, die bringt schließlich nur in der von Menschen gemachten Landwirtschaft einen Vorteil. Es regt sich doch auch keiner auf, dass eventuell die „Apfeleigenschaft“ des Apfels in andere Rosengewächse einkreuzen könnte. Wie ich oben bereits versucht habe zu verdeutlichen, basiert die Gentechnik zwar auf in der Natur vorkommenden Methoden, trotzdem erfordert es aber sehr viel Aufwand und Brainpower auch nur ein Gen zu transferieren. Deshalb wird nicht zufällig das eine Gen mittels horizontalem Gentransfer in eine andere Art einkreuzen, warum auch? Um beim Beispiel Bt-Toxin zu bleiben: das Gen kommt aus Bakterien, die quasi überall sind. Also müsste doch nach der Logik der Kritiker irgendwann im Laufe der Jahrmillionen dieses Gen den Weg in irgendeine Pflanze gefunden haben. Aber das ist noch nie passiert und dass bei Bakterien, die gerne ihre eigenen Gene raushauen (Plasmide). Pflanzen habe keine Mechanismen für den horizontalen Gentransfer wie Bakterien ergo werden sie auch ihre Gene nicht wild in der Gegend verteilen (komisches Bild). Das einzige was passieren kann ist, dass Artverwandte mit dem Pollen des GVO befruchtet werden. So what? Wie ich bereits versucht habe zu erklären sind Kulturpflanzen nur in der Obhut von Menschen lebensfähig, weil sie einen Selektionsvorteil in der von Menschen geschaffenen Umwelt haben. Außerhalb dessen, sind ihre Eigenschaften von Nachteil, weil sie nicht mit der Konkurrenz anderer Arten klar kommen. Demzufolge würde eine Einkreuzung in verwandte Arten gar nicht überleben, weil sie den Wildtyp in seiner natürlichen Umgebung schwächt. Nochmal das Bt-Toxin: eine Resistenz gegen den Maiszünsler würde keinen Vorteil verschaffen, weil unter natürlichen Bedingungen der Maiszünsler kein sonderliches Problem für Mais darstellt. Es ist ja ein Problem der Landwirtschaft. Und da bei einer Einkreuzung 50 % der Gene vom GVO käme, und damit auch alle anderen Kulturmais-Eigenschaften und nicht nur das Gen für das Bt-Toxin, wäre die neue Sorte ziemlich schnell morte.

Wenn noch als letztes Argument die bösen multinationalen Konzerne mit ihren Patenten ins Feld geführt wird, dann kann ich nur sagen: selber schuld. Erst durch die absurde Regulierung von GVO und den immens hohen Zulassungsbedingungen, blieben nur noch die großen Konzerne, die sich das überhaupt noch leisten konnten. Am Anfang der Entwicklung waren es vor allem mittelständische Unternehmen, die eigene Sorten auf den Markt brachten. Durch den steten Widerstand und Protest gegen diese Technologie wurde es zu einen Bigplayer Ding. Im Übrigen habe ich gar nichts gegen multinationale Großkonzerne im Gegenteil, sie verfügen über die Ressourcen zum Einen gute Forschung zu machen und sind zum Anderen groß genug, damit man als Angestellte/r gute Arbeitsbedingungen hat. Sich über Patente aufzuregen ist einfach nur vorgeschoben, den schließlich laufen sie nach 20 Jahren aus und für Saatgut gilt das viel stärkere Sortenschutzrecht, dass unbegrenzt gilt, ganz unabhängig von GVO oder nicht. Erinnert sich noch jemand an die Linda-Kartoffeln? Eben.

Noch kurz eine Anmerkung zu Leuten, die selber Bio-WissenschaftlerInnen sind und gegen Gentechnik polemisieren: Bildung und wissenschaftliche Expertise schützt vor Aktivismus nicht. Ideologien und Glaube sind fast immer stärker als der rationale Gedanke.

[1] Ich weiß, wieder so ein Wort wo vielen das Herz in die Buxe rutscht. Man sollte sich aber klar machen, dass alle Pflanzen Abwehrstoffe gegen Tiere, Insekten, Bakterien und Viren bilden, die teilweise auch für Menschen bedenklich sind. Also völlig unabhängig von menschlichem Zutun.

[2] Wer sich nicht vorstellen kann, dass etwas was Toxin heißt, nicht giftig sein kann, sollte sich einfach klar machen, dass der menschliche Organismus in etwa nichts mit dem Organismus einer Motte gemeinsam hat.

[3] In einigen Betrieben, wo „ökologisch“ Landwirtschaft betrieben wird, verzichten sie aufs Spritzen und große Monokulturen. Das mag für das Gewissen und in kleinem Maßstab gut erscheinen, macht aber Lebensmittel unglaublich teuer und durch die ineffektive Nutzung von Boden haben diese Anbaumethoden einen enormen Flächenverbrauch. Dass Nahrungsmittel durch konventionelle Produktion qualitativ hochwertig und trotzdem billig sind, ist ein zivilisatorischer Fortschritt und nicht wie manch einer sagt, etwas Dekadentes  und damit schlecht. Das wir essen wegschmeißen und uns aussuchen können, was wir essen ist ein Luxus, den man allen Menschen wünschen müsste. Wenn Essen teuer wird, werden nicht die Grünenwähler diejenigen sein, die darunter leiden.

Update 1 [25.03.2014]:

Heute ist der 100. Geburtstag des Begründers der „Grünen RevolutionNorman Borlaug. Dank seiner Arbeit und Ideen ist das Thema Mangelernährung durch schlechte Ernten prinzipiell als gelöst zu betrachten. Dass es immer noch Hungernde gibt hat andere Gründe als die Landwirtschaft. Hoffentlich setzt sich in naher Zukunft wieder der Geist des Fortschrittsoptimismus durch und hilft, die grüne Revolution auch mithilfe der grünen Gentechnik weiter voran zu treiben.

„When I know our scientific facts are right, I am going to play that card and play it hard!“

– Norman Borlauf –

Masel tov!

 

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2 Gedanken zu „Der genetische Code der Gentechnik

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