Bitte haben Sie Verständnis

Vier Tage dauern bereits die „Proteste“ in verschiedenen arabischen Ländern an, deren Anlaß ein Amateurfilm mit dem Titel „Innocence of Muslims“ ist. Und seit vier Tagen ergießen sich verschiedene Erklärungsversuche über die Gründe für das Entstehen eines derartig rasenden islamischen Mobs über das Internet und die Zeitungen.
Bei der Lektüre der einzelnen in den Leitmedien erschienenen Artikel und Kommentare wurde ich den Eindruck nicht los, dass die Autor*innen mit einem gewissen Wohlwollen über die Aktionen des aufgebrachten Mobs berichteten. Zumindest gibt es Verständnis, den schließlich wurden Muslime auch böswillig beleidigt und provoziert. Der ARD-Korrespondent Ulrich Pick schreibt etwa in seinem Kommentar

Dass der Koran ein kruder Mix aus bereits vorhandenen Schriften ist und nicht das endgültige Wort Gottes, ist für jeden aufrechten Muslim ein tiefe Beleidigung.

Ja, und wer tief beleidigt ist, dem ist verständlicher weise auch alles zu zu trauen. Die Kränkung ist nämlich so groß, dass nur Tote und Schwerverletzte ein angemessener Ausgleich für die erlittenen emotionalen Qualen darstellen. Weiter schreibt er:

Denn in der islamischen Mehrheitsgesellschaft gelten Christen und Juden bis heute als zu schützende Minderheit. So gesehen ist der Film „Innocence of Muslims“ eine schwere, einseitige Überzeichnung, die bewusst provoziert statt zum dringend benötigten Verständnis kultureller Probleme beizutragen.

Den Dialog soll man suchen, Verständnis für kulturelle Probleme soll man zeigen und nicht provozieren. Außerdem werden Minderheiten in muslimischen Ländern nicht verfolgt, ist alles nur ein Missverständnis. Wahrscheinlich nur ein Übersetzungsfehler. In Wahrheit streut der Westen nur diese Gerüchte über muslimische Gesellschaften um dann Krieg anfangen zu können wegen ihrem Öl.
Es ist schon erstaunlich wie Pick der Meinung ist, es wäre beinahe eine Zwangsläufigkeit das Muslime über diesen schlechten Film und die „Herabwürdigung“ ihrer Religion wenn nicht mit Gewalt so doch mit Kränkung und Beleidigtsein reagieren müssten. Mir scheint es, dass er und andere Verständnisvolle es sich gar nicht vorstellen können, dass man von erwachsenen Menschen durchaus erwarten kann, dass sie nicht durchdrehen nur weil ihre Religion oder ihr Heilsbringer in einem nicht so wohlwollenden Licht dargestellt werden. Stattdessen sind sie der Meinung, jeder „aufrechte Muslim“ müsse auf jeden Fall beleidigt sein. Also sind die Muslime, die sich nicht aufregen und auch nicht demonstrieren gehen keine aufrechten Muslime oder wie? Da ist meine Mutter aber ganz anderer Meinung. Würde man sie fragen, würde sie sich selbstverständlich als aufrichtige Muslima bezeichnen und dennoch den ganzen Schwachsinn ihrer Glaubensgenoss*innen ablehnen. Und nicht nur die Gewaltakte, sondern auch die ganzen Demos und Proteste.
Immer wieder wurde erwähnt, dass die Gewalttätigen nur eine Minderheit seien, die Proteste von einigen Wenigen für ihre verwerflichen politischen Zwecke ausgenutzt würden und der große Rest friedlich protestieren wolle. Wie bitte? Heißt das etwa Protest ist immer dann legitim, wenn er friedlich ist? Wieso redet eigentlich keiner über die Gründe für die Proteste und stellt ihre Legitimität in Frage? Die meisten Deutschen die vor dem Sonnenblumenhaus in Rostock Lichtenhagen standen haben auch keine Gewalt angewandt, sondern dies den Nazis und anderen Jugendlichen überlassen. Aber nur weil sie selber nicht gewalttätig gehandelt haben, ist doch ihre Motivation sich zu einem „Protest“ zu versammeln nicht weniger widerlich und das was sie fordern nicht weniger gewalttätig. Schließlich waren sie sich in ihrer Kernforderung einig. Man muss sich das mal vor Augen führen: Es gibt einen bestenfalls viertklassigen Film, der den Islam und Mohammed angreift und ziemlich viele Menschen in der muslimischen Welt sind beleidigt und drehen komplett durch. Tottraurig sind sie und müssen deswegen Botschaften attackieren und morden. Und einige von ihnen werden selber sterben. Was für eine Vergeudung von Leben und Lebenszeit. Man stelle sich mal vor es würde jedesmal die Bambule losgehen in Europa, wenn in muslimischen Medien antiwestliche oder das Christentum angreifende Filme laufen. Dann wäre jeden Tag Kreuzberger erster Mai und die Botschaften der muslimischen Länder müssten dicht machen. Das Internet ist voll von Videos wo Jesus, Christen, Juden, Deutsche und Atheisten als minderwertige Kreaturen dargestellt werden. Selbst in Europa werden so Filme hergestellt und sind auch noch verdammt erfolgreich. So what?
Bezeichnenderweise wird der Film nur aus der Perspektive betrachtet, das er „bewusst“ provozieren wollte. Selbst wenn. Es kann doch nicht ernsthaft sein, dass die Empörung und die Gewalt deshalb rechtfertigt wird. Wieso kann man von Muslimen nicht einfach erwarten, dass sie auf Spott und Häme nicht mit Beleidigtsein und derartigen Exzessen reagieren, sondern es aushalten. Schließlich sind auch Menschen mit muslimischen Glauben potenziell vernunftbegabte Menschen. Genauso müssen Katholiken Häme und Spott über den Papst ertragen. Es würde doch keiner dieser Journalisten, die jetzt so sozialarbeiterisch die Vorkommnisse in Ägypten, Libyen und jetzt auch im Sudan rechtfertigen einem aufgebrachten Mob von Katholik*innen Verständnis entgegen bringen oder beleidigte Christ*innen, die den Film „Das Leben des Brain“ ablehnen, entschuldigen. Und wenn doch, dann ist ihnen echt nicht mehr zu helfen. Mir scheint, dass es ein reflexhaftes Zurückschrecken vor Gewalt gibt und damit sie einem nicht so bedrohlich erscheint, muss sie irgendwie rationalisiert werden. Man glaubt dann nämlich, dass sie kontrollierbar wäre da sie scheinbar von „bestimmten“ Faktoren ausgelöst wird, die „wir“ in der Hand zu haben glauben. Die Logik geht in etwa so: muslimische Menschen wenden nur dann Gewalt an, wenn andere ihnen einen Grund dazu liefern. Ergo muss man darauf Rücksicht nehmen und sie nicht provozieren. In diesem Fall war der Grund ein islamfeindlicher Film der in den USA gedreht wurde (ein anderes mal waren es Karikaturen). Deshalb ist auch die westliche Welt – allen voran die USA – letztendlich für die Gewalt verantwortlich. Mit anderen Worten: selber Schuld. So was kommt von so was. Die Apologeten solch einer Logik vergessen nur eines: Es geht Islamist*innen und anderen Antiwestler*innen nicht darum was der „Westen“ macht. Sondern darum, was der „Westen“ ist. Es geht um das Sein.
Die Angst vor der Gewalt bestimmter gesellschaftlicher Gruppen müsste dann logischerweise das eigene Handeln und Denken bestimmen. Und das ist auch die implizite Aussage der meisten Artikel und Kommentare. Sonja Zekri spricht es in der Süddeutschen ganz offen aus:

Gerade deshalb – und trotz des Wahlkampfs – wäre es unklug für die Amerikaner, Öl ins Feuer zu gießen. Dass Präsident Barack Obama nun Zerstörer und Marines nach Libyen schickt, vielleicht sogar bald Drohnen folgen lässt, ist kein gutes Zeichen.

Obwohl die Sicherheitskräfte der betreffenden Staaten es nicht schaffen die Botschaften zu schützen und Menschen massakriert werden, sollen die USA auf die Möglichkeit verzichten, durch eigene Kräfte ihre Staatsbürger zu schützen. Es könnte ja als Provokation aufgefasst werden. Nein, falsch. Es wird als Provokation aufgefasst werden. Mehr noch: die ganzen Proteste werden letztlich von irgendwelchen Truthern und Verschwörungsheinis als von den USA initialisiert dargestellt werden, ein „Inside – Job“ halt, da sie nun einen Grund haben in die Länder einzumarschieren.
Ob Westerwelle, Obama oder andere westliche Regierungsvertreter*innen: Alle werden nicht müde zu betonen das sie Verständnis für die Empörung der Muslime haben und sich von dem Video angegriffen fühlen. Friedliche Proteste seien auch absolut akzeptabel, nur die Gewalt müsse aufhören. Sorry, ich hab kein Verständnis, schließlich habe ich auch wenig Verständnis für die religiösen Eigenarten meiner Restverwandtschaft. Muslime sind keine Tiere, an die man besondere Maßstäbe ansetzen oder ihnen unterstellen müsste, sie könnten nichts für ihre Handlungen weil sie nicht zivilisiert genug seien. Ich bin der Meinung, dass man Muslime genauso ernst nehmen und ihre Handlungen nach den gleichen moralischen Maßstäben bewerten muss wie bei allen anderen Menschen auch. Deshalb sind auch sie allein für ihr Handeln verantwortlich und dementsprechend gibt es nichts zu entschuldigen. Wenn Muslime Botschaften angreifen wollen, wenn Muslime wegen Blasphemie protestieren wollen, wenn sie sich von radikalen Idioten anstiften lassen wollen und wenn sie antiwestlich sein wollen, dann wollen sie das. Sie sind nicht Opfer irgendwelcher dubioser Umstände, denn keiner zwingt sie dazu sich beleidigt zu fühlen und auf die Straße zu gehen. Deshalb muss man sie als das wahrnehmen was sie sind: bewusst handelnde Menschen. Es sind keine Roboter.
Und es ist auch kein Kampf, der zwischen zwei religiös fanatischen Gruppen ausgetragen wird. Nachdem der Macher des Films geoutet wurde, war seine Bezeichnung auch schon klar: radikaler koptischer Christ. Zunächst hieß es ja noch, er wäre ein amerikanischer Jude und das Geld für den 15 Millionen Dollar teuren Film stamme von wohlhabenden jüdischen Spendern. Es hätte aber auch zu schön ins Bild gepasst: Die bösen Juden provozieren die friedlichen Muslime. Da der Hoax aber jetzt aufgeklärt ist, muss aus dem Ägypter ein „radikaler“ koptischer Christ gemacht werden. Damit soll seine Motivation den Film zu machen als schändlich und falsch eingestuft werden und gleichzeitig wird eine Auseinandersetzung zwischen zwei radikalen Minderheiten herbei konstruiert. Das produzieren eines schlechten Films wird damit moralisch mit Mord gleichgesetzt, besonders schön hier zu lesen. Als ob persönliche Details aus dem Leben des Produzenten, Mutmaßungen über seine Motivation und vermeintliche oder echte Verfehlungen seinerseits in irgendeiner Weise die pogromartigen Ausschreitungen des Mobs relativieren würden. Das ist so erbärmlich.

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12 Gedanken zu „Bitte haben Sie Verständnis

  1. s1r

    Ich bin mir nicht sicher ob ich überhaupt auf den letzten Kommentar reagieren will. Denn eigentlich sind so Formulierungen wie

    ..nachdem man Osama bin Laden für die Anschläge vom 11. September verantwortlich gemacht hat.

    ein Zeichen für eine Geisteshaltung, die mir äußerst suspekt ist.
    Für das Verhalten von wütenden Muslimen ist nicht der Westen verantwortlich, sondern die Menschen selber. Alles andere würde bedeuten handelnde Subjekte nicht als solche ernstzunehmen und sie zu dem „besonderen“ Anderen zu machen. Natürlich ist mir klar das der Film nur ein Vorwand war. Die Leute nehmen alles mögliche zum Anlass beleidigt sein zu können. Aber es bleibt dabei: wer handelt ist immer für das was er macht verantwortlich.

    Antwort
  2. Feyd Braybrook

    Natürlich wären die Pogrome eine übertriebene Reaktion, wenn sie lediglich auf den Film zurückzuführen wären. Sind sie aber sicher nicht. Hier kulminieren aufgestaute Gefühle der Erniedrigung, die ihren konkreten Anfang in der Intervention in Afghanistan hatten, nachdem man Osama bin Laden für die Anschläge vom 11. September verantwortlich gemacht hatte.
    Seit damals wird Krieg geführt, werden Moslems im Westen aufgrund ihrer Kleidung ettikettiert, wird ein ganzes Weltbild von oben herab verurteilt.
    Das Video selbst bietet lediglich die Plattform für eine Auseinandersetzung, die der Westen zu einem erheblichen Teil zu verantworten hat.

    http://feydbraybrook.wordpress.com/2012/09/15/the-innocence-of-muslims-bei-uns-ware-das-nicht-passiert

    Antwort
  3. ich

    Ich frage mich, wodurch ein wirklich religiös empfindender Mensch sich beleidigen lässt. Ich denke, er wird eher mit Gelassenheit reagieren. Jedenfalls sind Beleidigtsein, Hochmut und Selbstgerechtigkeit keine religiösen Gefühle. Das Ganze hat eher mit Politik zu tun und mit Erpressung.
    Auch mir ist eine Geisteshaltung suspekt, nämlich wenn besonders fromme Menschen ständig beleidigt sind, ob nun Christ, Moslem oder was auch immer.

    Antwort
  4. Feyd Braybrook

    „Für das Verhalten von wütenden Muslimen ist nicht der Westen verantwortlich, sondern die Menschen selber.“

    unterschreibe ich sofort.

    Was das Handeln angeht: die volle Verantwortung kann nur derjenige tragen, der sich ihrer voll bewußt sein kann. Angenommen, man könnte per Zeitmaschine ins Mittelalter reisen: würdest Du Dich da hinstellen und denen vorwerfen, daß sie ihre Vernunft nicht einsetzen, nur weil Du von Jahrhunderten der Aufklärung profitiert hast? Wäre das nicht selbstgerecht?
    Ebenso ist es mit den Menschen dort: viele haben mit unserer Geschichte der Aufklärung nichts zu tun und es ist abgrundtief arrogant, daraus abzuleiten, daß denen „etwas fehlt“. Heißt das nicht, daß wir unsere Geschichte als einzig richtigen Maßstab anerkennen und ist das nicht auch totalitär?
    Stell Dir vor, es gibt auch eine andere Philosophie, nicht nur die christlich-abendländische und mit jener kommen die Menschen in anderen Hemisphären ganz gut zurecht.
    Heißt das nun, daß ich das toleriere, was die mit Andersdenkenden machen?
    Natürlich nicht.
    Nur benenne ich das Problem anders.
    Es geht hier um Interessenkonflikte, nicht um Konflikte „über“-geordneter Philosophien. In jedem Krieg gab es reale Systeme und Denksysteme und es gibt nicht wenige, die sagen, daß die Denksysteme nichts weiter als eine von der Obrigkeit erfundene (Schein-)Legitimation für das Fußvolk waren, um in den Krieg gegen das reale System zu ziehen.
    Und das ist mein Kritikpunkt:
    wir im Westen beschäftigen uns ausschließlich mit dem Terrorismus und haben das Bild vom rückständigen Moslem. Wir akzeptieren nicht, daß sie ein Recht haben, etwas als heilig anzusehen, nur weil uns andere Dinge heilig sind.
    Und deshalb bleibe ich dabei:
    die Gewalt von Moslems ist eine Straftat und ist zu verurteilen, aber falls es noch keiner bemerkt hat:
    dort herrscht seit Jahren Krieg und wer noch keinen Krieg erlebt hat, kann sich nur schwer vorstellen, wie das das Denken prägt, ganz besonders gegenüber dem Protagonisten des Feindes.

    Antwort
  5. ich

    I@Feyd Braybrook
    „Angenommen, man könnte per Zeitmaschine ins Mittelalter reisen: würdest Du Dich da hinstellen und denen vorwerfen, daß sie ihre Vernunft nicht einsetzen, nur weil Du von Jahrhunderten der Aufklärung profitiert hast? Wäre das nicht selbstgerecht?“

    Wieso sollten heutige Menschen nicht von der Aufklärung profitieren? Ich finde es im Gegenteil zynisch, dass man einem Teil der Menschheit, nämlich islamisch geprägten Staaten, dieses Privileg nicht ebenfalls erlaubt bzw. zumutet. Soll man warten, bis der Iran selbstständig eine Aufklärung erfindet, um dann mit Steinigung etc. aufzuhören oder haben die heutigen Opfer nicht auch ein Recht darauf, human behandelt zu werden?

    „Stell Dir vor, es gibt auch eine andere Philosophie, nicht nur die christlich-abendländische und mit jener kommen die Menschen in anderen Hemisphären ganz gut zurecht.“

    Das ist definitiv falsch. Philosophie ist nicht zwangsweise christlich oder abendländisch, denn es gibt nur eine Philosophie und das ist die Suche nach Wahrheiten. Geprägt von einzelnen Philosophen, darunter christliche, atheistische etc. Bei allem Relativismus, den es in Bezug auf gegenwärtige Themen gibt, ist nicht alles relativierbar. Genau das beschreibt die Philosphie. Ein Teilgebiet der Philosophie ist die Logik. Logik ist universell und nicht angreifbar. Kein Mensch würde infrage stellen, dass 2+2=4 ist. Weder lässt sich wissenschaftlich beweisen, dass es Gott gibt, noch, dass es ihn nicht gibt. Aus dieser Erkenntnis könnte man grob gesprochen, so etwas wie Religionsfreiheit ableiten. Deshalb gibt es im Westen Religionsfreiheit. Warum gibt es sie nicht in Pakistan besipielsweise? Die Vernunft steht jedem Menschen zur Verfügung. Man muss nur den Mut haben, sich ihrer zu bedienen. Bei der Aufklärung geht es nicht um Über- oder Unterlegenheit. Darum geht es meinetwegen beim Ringkampf. Es geht darum, dass sie auf Erkenntnissen gründet, die zwingend sind (wie die Erkenntnis, dass 2+2=4 ist).

    Ich bezweifle auch, dass ALLE Menschen in Systemen wie Pakistan oder Iran ganz gut mit der herrschenden Ordnung und Weltanschauung zurecht kommen. Mögen Männer noch einigermaßen gut zurecht damit kommen, für Mädchen gilt das sicher nur in Ausnahmefällen.

    „wir im Westen beschäftigen uns ausschließlich mit dem Terrorismus und haben das Bild vom rückständigen Moslem. Wir akzeptieren nicht, daß sie ein Recht haben, etwas als heilig anzusehen, nur weil uns andere Dinge heilig sind.“

    Wer ist wir? Weder gibt es in dieser Hinsicht ein Wir noch das Bild von DEM Moslem. Ausschlaggebend ist hier doch wohl nur das offizielle Verhalten des „Westens“, also das Regierungshandeln, und das ist im Westen geprägt von Pragmatismus. Der Pragmatismus besteht darin, ein möglichst friedliches Zusammenleben zu erreichen und das ist tatsächlich ein schwieriges feld. Denn da muss das Verhältnis von Toleranz und Verständnis einerseits zu dem, was für das Ziel (friedliches Zusammenleben) und eigenes Interesse (gemeint ist, dass man z.B. Botschafter in Länder schicken kann, ohne um ihr Leben zu fürchten) von Nutzen ist, gut austariert werden. Was einem Menschen oder einer Gruppe heilig ist, glaube ich, kann man im Westen sehr viel mehr tolereieren als z.B. in Pakistan oder Iran oder Ägypten. Auch die Tatsache, dass man die Ermordung von Botschaftern nicht (wie es zu früheren Zeiten üblich war) zum Anlass für einen Krieg genommen hat, sondern besonnen darauf reagiert hat und dies als die Aktionen einzelner Extremsiten ansieht, ist, glaube ich, ein Zeichen, dass der Westen nicht Ideologien in die Welt setzt, um darüber Kriege zu rechtfertigen, wie Sie oben schreiben, sondern mit Verantwortung handelt. Nur kann dieses verantwortliche Handeln nicht darin bestehen, sich Erpressern gegenüber zu ergeben und zum Beispiel Privilegien, die uns allen zugute kommen, wie die Freiheiten der Gedanken (Meinungs-, Kunst- und Religionsfreiheit) einzuschränken, weil man den Drohungen nachgibt.

    Antwort
  6. s1r

    Im Grunde hat „ich“ schon ziemlich viel von dem geschrieben, was ich auch argumentieren würde. Einige kleine Punkte möchte ich noch ergänzen.

    Was das Handeln angeht: die volle Verantwortung kann nur derjenige tragen, der sich ihrer voll bewußt sein kann.

    Also irgendwie ist das diesem Satz zugrundeliegende Menschenbild doch arg daneben, impliziert es doch, dass Menschen aus bestimmten Regionen der Erde und mit einem bestimmten Glauben der Vernunft nicht fähige, unmündige Wesen seien. Wieso sollten Muslime ihrer Verantwortung nicht „voll bewusst“ sein? Was hält sie davon ab? Und wieso kann man nicht einfach davon ausgehen, dass sie wissen was sie tun und es genauso wollen? Muslime wissen sehr wohl um die Aufklärung, besonders die in Europa lebenden, und ein Teil lehnt sie bewusst ab. Das ist eine freie Entscheidung von im Grunde freien Menschen. Ihnen zu unterstellen sie wüssten nicht was sie tun, als wären sie Kleinkinder, ist schon starker Tobak.
    Muslimische Menschen leben nicht im Mittelalter und vor allem leben sie nicht abgeschottet vom Rest der Welt als eigenständige Entität jenseits von Allem. Die aktuelle Besinnung auf Religion und einer archaischen Gesellschaftsordnung sind moderne Phänomene, ähnlich wie der europäische Faschismus ein Produkt der Moderne war/ist. Die Türkei und auch die meisten anderen muslimischen Gesellschaften waren vor dreißig Jahren zum Teil liberaler als sie es heute sind. Muslimen zu unterstellen, sie würden im Mittelalter leben ist schon eine Frechheit und ihnen die Fähigkeit zum vernunftgeleiteten Handeln abzusprechen ist in meinen Augen sowohl arrogant und selbstgerecht, als auch totalitär. Aber vor allem ist es zynisch. Du beschreibst Muslime und ihre Gesellschaften als im Grunde irgendwie besonders, weshalb man da nicht mit „westlichen“ Maßstäben messen dürfe. Sie haben halt ihre Eigenarten, aber die müssen respektiert werden. Da dürfen „wir“ als aufgeklärte Westler nichts zu sagen. Du suggerierst dadurch eine Widerspruchsfreiheit in diesen Kulturen, die nicht existiert. Die Leute die nicht damit einverstanden sind, sind real, auch wenn sie das schöne Bild des anständigen „Wilden“ zerstören. Kannst ja mal meine Lieder hören.
    Ich halte nichts von Kulturrelativismus, weil es den Status der aus dieser Perspektive betrachteten Menschen als „besondere Andere“ und damit potentiell unmündige und niedere Wesen zementiert. Man muss alle Menschen ernst nehmen, auch in ihrem widerwärtigen Handeln.

    Antwort
  7. tk

    „dort herrscht seit Jahren Krieg und wer noch keinen Krieg erlebt hat, kann sich nur schwer vorstellen, wie das das Denken prägt, ganz besonders gegenüber dem Protagonisten des Feindes.“

    Bitte? Was meinst Du mit „dort“? Eine gröbere Verallgemeinerung kann man ja kaum noch vornehmen. Muslime leben so ganz im allgemeinen, immerund überall im „Krieg“? In der Selbstwahrnehmung einiger „Gotteskrieger“ sicherlich – aber dieses Bild sollte man in einer ersthafte Debatte ja wohl kaum übernehmen. Genau wie muslimische Menschen Individuen sind und durch aus in der Lage wären individuelle Werturteile zu treffen statt blind einer antiwestichen Ideologie zu folgen, habe ich gerüchte Weise gehört, dass es sehr viele Staaten gibt in denen mehr oder wengier Muslime leben und eine ganze Menge Staaten, die mehrheitlich muslimisch sind bzw auch politisch als „muslimisch“ „regiert“ werden. Und in all diesen Ländern ist Krieg? Das wäre mir neu.

    Und wer sind die „Protagonisten des Feindes“? Sieht man von dem „inneren Konflikt“ einer gewalttätigen militärischen Auseinadersetzung mit Islamisten ab, ist wohl der letzte Krieg den Pakistan geführt hat (aber auch das ist eine Weile her) ein Krieg mit Indien gewesen. Sind jetzt alle „Inder*innen“ „Protagonisten des Feindes“ gegen „die Muslime“?

    Lange Rede, kurzer Sinn: Reflektier mal mehr was Du schreibst, werd konkreter und verfall nicht in die selben stereotypen Bilder „der Muslime“ und „des Westens“, die Du auf deinem Blog scheinbar selber kritisierst.

    Antwort
  8. tk

    Ach je, ich hätte früher die Kommentarspalte auf dem Blog von Feyd Braybrook lesen sollen. Da kann man sich den Versuch einer Diskussion ja sparen, da Feyd Braybrook bei seiner Bewertung der Ereignisse schon auf dem Verschwörungstrip angekommen ist.

    Von Feyd Braybrook:
    „Es soll ja Leute geben, die der Meinung sind, daß der Terror ein Vorwand ist, gegen den Islam auf den Putz zu hauen (konkret: Kriege zu führen). Jetzt müßte man nur noch wissen, wie man Terror provoziert… dann könnte man uneingeschränkt und endlos Krieg führen…“

    Antwort
  9. ich

    Die Verschwörungstheorie klang ja schon ganz oben an:

    „nachdem man Osama bin Laden für die Anschläge vom 11. September verantwortlich gemacht hatte.“

    Wenn ich zu verbohrt bin, um meine Meinung zu ändern, dann muss ich eben die Realität so zurecht biegen, dass sie in mein Weltbild passt. Oder Pippi Langstrumpf: Ich mach mir die Welt widdewidde wie sie mir gefällt.

    Antwort

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